Der letzte Traum

Veröffentlicht Dezember 31, 2010 von Amvita

Nun wusste ich, was Sache war. Mit ziemlicher Sicherheit war heute schon mein letzter Tag. Ich würde am Abend oder in der Nacht sterben. Der freundliche Arzt, der mir diese Mitteilung machte, blieb gesichtslos und gestaltlos, ich fand aber die Schmerztabletten in meiner Jackentasche, nur für den Fall, dass ich Schmerzen bekommen würde. Er hielt das aber für unwahrscheinlich.

Ich begab mich in einer eigenartigen Ruhe nach Hause. Ich fühlte mich heiter und gelassen. Es war am frühen Morgen eines Sommertages, alles war grün und es war jetzt schon warm. Ich lächelte in mich hinein als mir der Gedanke an das Horoskop kam, das mir ein Freund, seines Zeichens vedischer Astrologe, vor langer Zeit einmal gemacht hatte. „Du wirst auf jeden Fall über 80“, hatte er gesagt. Und er behauptete, dass das, was er im Horoskop sah, immer einträfe, ausnahmslos. Doch nun war ich Mitte 40, und ich hatte immer gewusst, dass es nicht so war, wie er sagte. Meine Meinung dazu war, dass das, was geschehen soll, sich ständig ändern kann, und vor allem: ein Horoskop kann nur zeigen, was dem Deuter möglich ist zu sehen. Und das ist nun eben beschränkt, auch wenn er noch so schlau ist.

Ich ging langsam nach Hause und sagte dort, was ich eben erfahren hatte. Ich traf meinen Mann aber nicht direkt, ich sah ihn nicht, auch meinen Hund sah ich nicht. Sie waren gestaltlos, genau wie der Arzt. Und auch sonst traf ich niemanden. Obwohl niemand fehlte, war ich allein. Außerdem spürte ich, dass alle nicht anwesenden Verwandte, Freunde und Bekannte, die irgendwo anders lebten, im selben Moment über diese Nachricht informiert waren, obwohl es ihnen nicht direkt gesagt wurde. Ich ließ mich jedoch von nichts beirren, sondern befand mich in diesem ganz besonderen Zustand, der schwer zu beschreiben war. Im hellen Wohnzimmer, durch dessen große Fenster man direkt in den Garten sehen konnte und dessen Terrassentüre offen stand, setzte ich mich hin und fing an, in mein Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb, was geschehen war, was mir heute bevorstand und wie ich mich fühlte. Ich fühlte mich heiter und leicht. Ich überlegte, dass mein Mann nach meinem Tod diese Zeilen ja in mein Weblog tippen könnte, damit auch alle Bekannten im Netz bescheid wüssten und sich niemand wunderte, weshalb ich dort nicht mehr schrieb.

Ich war mit dem Schreiben noch nicht fertig, da zog es mich wieder hinaus. Alles war so wundervoll grün, alles blühte, es war herrlich. Ich machte einen Spaziergang. Irgendwann traf ich auf Menschen, die auf Bierbänken zusammensaßen und etwas feierten, doch mit Rücksicht auf die Nachbarn spielten sie keine Musik und unterhielten sich nur sehr ruhig. Ich kehrte um und hielt im Wald kurz an, setzte mich auf den Boden und konnte im selben Moment einige Krähen beobachten, die knapp über dem Boden zwischen den Bäumen miteinander tanzten. Ich dachte mir, wie schön die Tiere und die Natur doch sind, und dass die Menschen sie viel öfter und viel genauer beobachten sollten.

Als ich wieder in der Nähe der Häuser war, traf ich einige indische Freunde, die hier wohnten. Sie wussten ebenfalls bereits, was mit mir war. Sie waren nicht bedrückt, sondern nahmen es als ganz normal an, so wie es eben in der indischen Mentalität liegt. Sie zeigten mir Fotos, die mich mit einem indischen Musiker zeigten, die sie einmal bei einer Feier gemacht hatten, und die ich noch nicht gesehen hatte. Die Fotos waren sogar in der Zeitung veröffentlicht worden. Ich freute mich darüber und fand sie schön. Ich hatte auf den Fotos einen hellblauen Sari an, und ich sah, dass sich auf dem einen Foto meine Augen bewegten, als ob es ein Film wäre.

Dann ging ich weiter. Als ich in die Nähe unseres Hauses kam, sah ich alle möglichen Verwandten, alle in Schwarz gekleidet und mit betroffenen Mienen. Ich erkannte meinen Onkel, meine Tante, und auch meinen Vater, der ja schon verstorben war, und noch andere Gestalten, die auch zur Verwandtschaft gehörten, die jedoch nur schemenhaft zu erkennen waren. Ich sah, dass jemand im Garten begann, ein Grab auszuheben. Daneben stand ein Sarg. Ich betrachtete den Sarg und dachte mir: „Der ist doch viel zu klein für mich.“ Ich wusste nicht recht, was ich von dem Ganzen halten sollte. Ich lebte noch und sie bereiteten jetzt schon meine Beerdigung vor. Als ich in ihrer Nähe war sagte ich: „Ist das nicht ein bisschen früh?“ Doch sie hörten mich gar nicht, und es sah so aus, als ob sie mich auch nicht sahen. Nur mein Vater lächelte mir kurz von weitem zu, eilte aber schnurstracks an mir vorbei. Von hinter dem Haus hörte ich nun auch noch einige Frauen den Rosenkranz singen. Ich überlegte, ob ich mich über dieses ganze Brimborium hier nicht eigentlich ärgern müsste und es ihnen verbieten sollte, schließlich war das hier mein Haus! Und ich war ja noch gar nicht tot! Doch dann kehrte wieder diese heitere Gelassenheit in mir ein, und ich wusste, dass es dumm wäre, die letzten Stunden noch mit Ärger oder Streit zu vergeuden. Sollten sie machen, was sie für richtig hielten. Ich würde einfach mit meinem Hund in den Wald gehen und dort in Ruhe sterben. Jemand, ich glaube es war meine Oma, rief mir noch traurig hinterher: „Ach, dass dein Leben schon so früh zu Ende sein muss!“ Ich lächelte und erwiderte, ohne mich umzudrehen: „Es ist nicht zu Ende. Ich lebe doch. Und ich werde immer leben.“

Ich nahm die blaue Leine meines Hundes, und er kam mit mir, jedoch, wiederum war es so, dass ich – obwohl er da war – seine Gestalt nicht sehen konnte, was mich aber nicht irritierte. Ich überlegte noch, ob nicht irgendwo noch mein anderer Hund aus meiner Jugendzeit war, den ich ebenfalls mitnehmen sollte, und ich fragte mich, wo er nur sein könnte. Ich wurde sehr traurig und es schmerzte mich, als plötzlich die Befürchtung in mir hochstieg, ihn womöglich vernachlässigt zu haben. Doch dann fiel mir ein, dass er schon vor langer Zeit an der Seite meines Vaters an Altersschwäche gestorben war. Ich war erleichtert, als mir das wieder einfiel. Es war alles in Ordnung, ich konnte weitergehen.

An der Ecke der Häuser, auf einem Tisch, der im Freien stand, sah ich im Vorübergehen die Zigaretten meines Vaters liegen. Er hatte lange nicht geraucht, hatte aber jetzt offenbar wieder angefangen. Ich selbst rauchte auch schon viele Jahre nicht mehr. Ich lächelte und nahm mir eine Zigarette aus dem Päckchen, zündete sie an und rauchte sie. Von der Sucht zu rauchen war nichts mehr zu spüren. Es war einfach nur eine alte Erinnerung, eine Art Sentimentalität. Ich nahm mir noch eine zweite Zigarette mit, die später meine letzte sein sollte, und steckte das Feuerzeug ein. Dann ging ich mit meinem unsichtbaren Hund Richtung Wald.

„Viele Grüße von Fritz und einen guten Rutsch!“ … mit diesen Worten meines Mannes wurde ich aus dem Schlaf gerissen, so dass ich erst lange überlegen musste, was dieser Satz in meinem Traum verloren hatte. Dann begriff ich langsam, dass alles nur ein Traum gewesen war. Ich war irritiert, denn der Traum war so real gewesen… und trotz der Tatsache, dass ich sterben sollte, war er so angenehm gewesen. Und nun war ich leider geweckt worden, bevor ich gestorben war. Wie schade. Das hätte ich gerne noch erlebt.

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Die Goldene Eule – Teil 2: Reise in die Finsternis

Veröffentlicht Dezember 23, 2010 von Amvita

Reise in die Finsternis

Ich folgte der Eule also weiter. All die Formen, die wir gesehen hatten, all die Farben, all die Pflanzen, Tiere, all die menschlichen Gestalten lagen hinter uns. In dem hellen Schein, den die Eule um sich hatte und der alles hell erleuchtete, fluteten wir durch das, was vorher durch all die leuchtenden Gestalten nicht aufgefallen war: nämlich die tiefste Finsternis, die ich jemals erlebt hatte… Ich wusste nicht, was ich ohne die Eule getan hätte… ich wäre in diesem Schwarz versunken, dachte ich… Doch die Eule, die meine Gedanken wie gesprochene Worte vernommen hatte, sah mich lächelnd an und ihre wortlose Botschaft hieß: „Schau um dich! Damit du weißt was ich meine, werde ich kurz aus deinem Blick verschwinden. Hab keine Angst!“ Und sie verschwand auf der Stelle ins absolute Nichts. Keine Spur mehr von ihr. Da sah ich, dass es dadurch nicht ein bisschen finsterer um mich geworden war. Ich selbst strahlte Licht aus, direkt aus meiner Mitte… Oh…. !!! Die Eule tauchte wieder auf, lächelte. „Gehn wir weiter?“ fragte sie ohne Stimme. „Ja“, dachte ich. Und wir setzten unseren Weg fort.

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Trotz der völligen Finsternis war ein Weg sichtbar… oder soll ich vielleicht eher sagen: spürbar?… Alle auf der Erde so sauber getrennten Sinneswahrnehmungen waren hier vermischt und warfen mein Denken immer wieder durcheinander. Jedenfalls folgten wir einem Weg… der sich nach einer Zeit teilte. Die Eule folgte ohne ein Wort, ohne einen Gedanken, dem einen Weg. Ich zögerte reflexartig. Wenn da zwei Wege waren, wollte ich gerne wissen, wohin jeder führte und weshalb wir dem einen den Vorzug gaben. Die Eule war im selben Moment über meine Gedanken informiert und hielt an. „Der Weg, den ich eingeschlagen habe, ist der zum Licht. Dort wirst du erwartet.“ „Von wem?“ „Von vielen Wesen, die du kennst, die vor dir dorthin gegangen sind.“ „Aber dieser andere Weg, wohin führt der denn?“ Sie schlug ein bisschen traurig die Augen nieder… blickte mich dann an und ließ mich wissen: „Dort ist noch tiefere Finsternis…“ „Das geht doch gar nicht“. dachte ich. „Doch, es geht leider. Sie heißt Unwille, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Dort sind Menschen, die nichts mehr haben, als den winzigen Funken ihres Herzens. Das Leuchten, das du jetzt gerade an dir hast, haben sie längst verloren. Und selbst diesen kleinen unzerstörbaren Funken können sie nicht einmal sehen. Es gibt die einen, die zornig sind, weil sie keinen Körper mehr haben und ihren materiellen Reichtum verloren haben. Sie jagen imaginären Bildern der Dinge hinterher, die sie haben möchten. Und da sind die anderen, die zwar an materiellen Dingen und Besitz nicht interessiert sind, die jedoch die Hoffnung verloren haben, dass ihr Licht jemals wieder leuchten könnte. Sie verurteilen sich selber stärker, als es sonst jemals jemand tun würde. Bei den einen wie den anderen ist es allein der Glaube, der sie in der Dunkelheit hält. Der Weg zum Licht ist jederzeit frei, doch sie sehen ihn nicht.“

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„Dann müssen wir ihnen helfen und ihnen das Licht zeigen“, sagte ich spontan. Die Botschaft der Eule über diese armen Menschen hatte mich zutiefst getroffen. Wie sollte ich weiterreisen zu noch größerem Licht und diese in der Finsternis gefangenen Seelen einfach links liegen lassen?! Unmöglich! Die Eule blickte mich durchdringend an und ihre Worte strömten in mich: „Du bist frei zu tun, was du für richtig hältst. Sei dir jedoch bewusst, dass du dich verlieren kannst in ihren Welten, wenn du sie besuchst. Sie werden versuchen, dich in ihre Gedanken und Vorstellungen hineinzuziehen. Sei dir, wenn du dort bist, immer des Lichts bewusst!“ Ich hatte gehofft, die Eule würde mich begleiten, doch sie verneinte im selben Augenblick. „Ich kann nicht mitkommen. Es wäre zuviel für sie. Doch von hier aus werde ich bei dir sein, falls du dich entschließt, zu gehen.“

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Der breite schwarze Weg war schwärzer als die Finsternis und lag wie ein gähnender Schlund vor mir. Ich fror bei dem Gedanken, ihn jetzt alleine gehen zu müssen. Doch ich spürte, ich hatte keine Wahl. Ich konnte nicht einfach an diesem Weg vorübergehen und vergessen, dass sich an dessen Ende verzweifelte Menschen befanden. Ein letzter Blick auf die warm und golden strahlende Eule, meine liebe Führerin, die mich mit ihrer Liebe umfing – und meine Gedanken setzten mich in Bewegung… auf die tiefste Dunkelheit zu, die man sich denken kann.

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Mir war seltsam zumute, als ich nach einer rasend schnellen Fahrt durch tiefe Dunkelheit plötzlich wie gerade erwacht in einer Wohnung saß. Ich wusste nicht wo ich mich befand, ich erkannte weder die Frau, die ich vor mir sah, noch diesen Raum. Sie saß an einem Schreibtisch. Eben noch hatte sie telefoniert. Sie legte den Hörer weg und stützte seufzend den Kopf auf die Hand. Sie war völlig niedergeschlagen. Ich konnte dunkle Wolken um ihr Herz und ihre ganze Gestalt entstehen sehen, die immer dichter wurden. Es waren ihre negativen Gedanken und Gefühle, die sich immer weiter vermehrten. Es nahm mir den Atem, zu sehen wie sie sich quälte und wie sie selbst diese Dunkelheit immer weiter vermehrte indem sie die Gedanken und Gefühle einfach machen ließ, was sie wollten. Ich wollte ihr zurufen, dass sie das unterbrechen müsste, dass die Sache selbst gar nicht so dunkel war – das konnte ich ja deutlich sehen! -, und dass nur die Gedanken sie immer mehr verschlimmerten… doch ich wusste im selben Moment, dass sie mich nicht hören würde. Zu laut waren ihre eigenen Gedanken. Ich nahm diesen unsäglichen Lärm wahr, der immer lauter wurde, während der ganze Raum sich immer mehr verfinsterte. Mein Herz wurde schwer und schwerer. Ich fühlte, wie meine Gedanken ebenfalls dunkel wurden und wie das Leid der Frau sich immer mehr auch auf meine Seele legte und sie lähmte. Ich fühlte mich machtlos und schwach. Plötzlich hatte ich das Gefühl, gezogen zu werden. Ich kam der Frau immer näher und näher, ich wollte zurückweichen, doch es war nicht möglich. Der Sog war viel zu stark. Er zog mich direkt in sie hinein. Mein letzter Gedanke galt jedoch der Eule und dem Licht.

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Alles schien so ausweglos. Das Leben war wie abgedreht, die Luft abgeschnürt. „Warum sterbe ich denn nicht einfach? Ich will das nicht mehr fühlen und aushalten müssen!“ Der Telefonanruf war niederschmetternd gewesen. Die letzte Hoffnung war dahin. Mein Herz lag wie ein schwerer Stein ganz unten im Magen. Die Gedanken, die sich vorher, als noch ein Funken Hoffnung in mir war, überschlagen hatten, wurden nun langsamer… sie senkten sich wie Blei in meine Glieder und lähmten mich. Ich saß kraftlos am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt und fühlte mich vollkommen leer. „Oh mein Gott“, dachte ich. „Was soll ich nur tun?“ Ich dachte an meinen alten Freund, der mir einst gesagt hatte, wie man mit allem umgehen kann, das man nicht auszuhalten scheint. Er sagte, dass man es einfach fühlen und die Gedanken, die eine schreckliche Geschichte erzählen, loslassen solle. Ich hatte es oft geübt, aber jetzt… es war so schwer. Trotzdem, ich musste es auch jetzt versuchen, gerade jetzt! Was sollte ich sonst tun? Ja, ich hatte daran gedacht, mich zu töten, schon viele Male, aber irgendetwas hielt mich vehement davon ab. Ganz besonders jetzt, wo das Schlimmste tatsächlich eingetreten war, spürte ich, dass ich das nicht tun konnte und wollte. So blieb mir nichts übrig, als den Rat meines Freundes zu befolgen. Ich fühlte die Schwere in mir deutlich. Ich hörte die Stimme meines Freundes: „Und wie fühlt sich die Schwere denn an? Ist sie so schlimm? Bringt sie dich um?“ „Nein“, antwortete ich in Gedanken, „aber was die Schwere ausgelöst hat, ist schlimm, dieses Telefonat, diese furchtbare Nachricht!“ „Lass die Geschichte los, fühle nur, was jetzt hier ist!“ Ich wusste all das. Wie oft hatte es mir schon geholfen, dies anzuwenden. Aber jetzt, wo alles so schlimm geworden war? Konnte das nun immer noch funktionieren? „Es gibt kein Groß und Klein, kein Wichtig oder Unwichtig!“ hörte ich die Stimme meines Freundes wieder. Ja, er hatte Recht! Er musste einfach Recht haben. Ich tat mein Bestes und kehrte immer wieder zum Jetzt zurück. Irgendwann war ich einfach nur noch entsetzlich müde und döste ein.

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Ich wurde von einem warmen Ruf geweckt… tatsächlich war es ein tonloser jedoch sehr starker Ruf, der mit angenehmer Wärme verbunden war, die mich ganz umhüllte. Ich sah nichts, vor meinen Augen war alles finster. Der Ruf wurde stärker, die Wärme größer und auf einmal war mir, als sähe ich statt der Schwärze, die mich umgeben hatte, diffuses goldenes Licht vor mir. Ich wollte die Augen öffnen, merkte jetzt jedoch, dass sie ja schon offen waren. Langsam und stetig nahm meine Fähigkeit zu sehen zu. Das diffuse Licht wurde immer klarer und strahlender und nun sah ich jemanden mitten in diesem Licht, eine Gestalt, die ich sofort erkannte. Wie unendlich froh war ich, die liebe Eule wieder vor mir zu sehen! Es schien so lange her zu sein, dass ich mit ihr unterwegs gewesen war. Wie war es eigentlich gekommen, dass sie mich verlassen hatte, fragte ich mich irritiert. Die Eule lächelte: „Ich habe dich niemals alleine gelassen. Du wolltest den Weg in die Finsternis gehen und musstest ihn alleine gehen. Dort hattest du etwas verloren und wolltest es zurückholen. Doch wie ich dir versprach, warst du nie ohne Verbindung zu mir. Du bist mit deinem eigenen Licht dorthin gegangen und bist erfolgreich zurückgekehrt. Sei von ganzem Herzen willkommen!“ Ich hörte die Worte der Eule, konnte jedoch noch nicht alles verstehen. Angestrengt versuchte ich die Zusammenhänge zu verstehen und mich zu erinnern, was geschehen war. Ach ja! Ich war in die Finsternis gegangen, ohne die Eule… weil dort leidende Menschen gefangen waren. Ich hatte diese Frau getroffen, die so unsagbar traurig und niedergeschlagen war. Ich wollte ihr helfen, wollte ihr das Licht zeigen. Aber was war dann geschehen? Ich erinnerte mich nicht mehr.

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„Was dann geschehen ist? Erinnerst du dich nicht daran, wie du der Frau immer näher kamst?“ fragte die Eule. Ich überlegte, und plötzlich kam die Erinnerung zurück. Und gleichzeitig verstand ich etwas, das mir zuerst ganz ungeheuerlich vorkam… Ich war verunsichert und fragte die Eule: „Liebe Eule, es fühlt sich so an, als wäre ich selbst diese Frau gewesen… kann das denn stimmen?“ Die Eule lächelte warm. „Das stimmt… irgendwie.. Du hast einen Teil von dir, der noch sehr leidend war, zurück ins Licht geholt!“ „Oh!“ Meine Gedanken überstürzten sich. Ich erinnerte mich an das Leben, aus dem ich gekommen war, als ich die Eule getroffen hatte. Diese Frau war ich ja sicher gewesen, das wusste ich! Und die Frau in der Finsternis, die war ich auch? Wie konnte das alles sein? Die Eule, die wie immer über all meine Gedanken und Gefühle informiert war, ließ mich wissen: „Du hast so viele Leben oder so viele innerste Anteile wie es Sand am Meer gibt, meine Allerliebste. Und du befindest dich auf einer großen Reise, auf der du alles erfährst, was es zu erfahren gibt und in deren Verlauf du immer die Möglichkeit hast, alles als dein Selbst zu erfahren. Solange etwas fremd erscheint, hast du noch nicht verstanden, dass auch das du bist, denn es gibt nichts anderes! Dann lernst du es kennen, lernst es lieben, nimmst es in dich hinein und weißt nun endlich, dass du es selber bist. Das Leid der Frau, die du in der Finsternis gefunden hast, währte lange. Du bist ihm immer wieder begegnet, doch wolltest es nicht in dich holen. Es schien dir zu schrecklich. Doch dann warst du bereit und hast sie – und dich – befreit! Hast ein Stück mehr von dir in dich zurück geholt.“

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Ich war beeindruckt. Alles, was die Eule mir erklärte, stand im selben Augenblick wie eine völlige Selbstverständlichkeit vor mir und ich verstand gar nicht mehr, weshalb ich sie hatte befragen müssen. Es war doch alles so klar! „Und du…!“ sagte ich lächelnd. „Wer du bist, das ist mir nun auch ganz klar! Du bist der Freund der Frau, der ihr diesen wundervollen Rat gab, nicht wahr?“ Sie nickte. „Und du bist das Licht selbst!“ rief ich aus. Die Eule lächelte… und lächelnd verschwanden ihre Konturen in dem Licht, das noch weitaus heller wurde, obwohl das ganz unmöglich war.

Ende

Die Goldene Eule – Teil 1: Der Zauberwald

Veröffentlicht Dezember 23, 2010 von Amvita

Der Zauberwald

Ohren, betäubt vom Lärm der Menschen, Augen, geblendet von künstlichem, totem Licht, schweißnasse Stirn, pochendes Herz, ein unglaublicher Schmerz durchzuckt mich, und plötzlich: dunkles Nichts. Ich weiß nicht wie lange, doch dann: hektisches Umherlaufen, Apparatengeräusche, Stimmenwirrwarr, Notaufnahme. „Schnell, schnell, sie stirbt uns weg!“ Die lauten Stimmen werden wattig, entfernen sich, das Licht wird immer weicher, ich sehe alles wie durch einen silbrigen Schleier. Die Menschen bemühen sich um meinen Körper, der nicht mehr mir zu gehören scheint. Fast habe ich Mitleid mit ihnen und möchte sie trösten. Es geht mir gut. Doch niemand kann mich hören.

Alles gleitet in immer weitere Ferne. Aber nein, ICH bin es, die sich entfernt. Etwas zieht mich mit unglaublicher Kraft fort. Es fühlt sich wohlig an, und richtig. Ich habe keine Sorgen, keinen Körper. Körperlos und sorgenfrei fliege ich davon, in funkelnde, weiße Nebelschwaden hinein. Ich flute darin weiter und weiter, ohne zu denken. Nichts, nichts, nichts. Wie gut und liebevoll einhüllend dieses Nichts ist, diese absolute Stille. Was für ein Wunder.

Ich scheine zu erwachen, doch nicht aus einem Schlaf, sondern aus dem Traum des Menschseins. Vor mir erheben sich Bäume. Aber sind es Bäume? Das trifft es nicht, wenn sie auch so aussehen. Sie scheinen jedenfalls mehr zu sein als die Bäume, die ich kannte. Sie sind voll pulsierenden Lebens, vibrieren geradezu vor Lebendigkeit. Kraftvolles Grün, leuchtend. Äste wie lebendige Arme, Wärme strömt aus jedem Zweig, jedem Blatt. In ihrer Mitte glänzt goldenes Licht, es breitet sich immer weiter aus. Völlig umhüllt davon kann ich lange Zeit nichts anderes erkennen, doch dann fließt im Zentrum des Goldes eine Gestalt zusammen. Sie sieht aus wie eine…. Eule?

Aus unglaublichen, großen Augen sieht sie mich an und fängt an zu sprechen. Jedoch sind es keine Worte, die sie an mich richtet.. Was sie sagt ist deutlicher, genauer und klarer als die Worte, wie ich sie kannte, jemals waren. Die eindeutige Botschaft, die von ihr ausströmt, ist: „Ich führe Dich. Komm mit.“ Nur der Gedanke daran, ihr zu folgen, setzt mich in Bewegung. Überrascht schaue ich an mir hinunter. Da ist immer noch mein alter, vertrauter Körper, doch ich spüre ihn kaum und er bewegt sich anders als jemals zuvor. Er reagiert auf jeden Hauch meiner Gedanken. Beängstigend fast. Ich wackle, schwanke, doch ich merke, ich kann nicht fallen, werde stets gehalten von der goldenen Wärme, die mich umhüllt. Ich übe wie ein kleines Kind auf seinem ersten Fahrrad. Und staune. Nach vorne, nach hinten, links, rechts, und mehr als das… jede denkbare Richtung, jeder denkbare Winkel, jede denkbare Entfernung. Ich spüre eine nie gekannte Leichtigkeit. Alles geschieht mit unfassbarer Präzision, die nur von meinen ungenauen Gedanken begrenzt ist. Ich erfasse intuitiv, was zu tun ist. Ich übe meine Gedanken in Genauigkeit und Klarheit, und mein Körper folgt in derselben Genauigkeit. Eine tiefe Freude breitet sich in mir aus. Das ist die Freiheit, nach der ich mich immer sehnte, ohne sie wirklich zu kennen. Die Gedanken sind frei. Der Körper, immer als Last wahrgenommen, ist jetzt leichter als eine Feder und folgt augenblicklich.

Meine goldene Führerin geleitet mich durch den lebenden Wald. Was ist das? Gesichter tauchen auf, in allen Farben, wie menschliche Gesichter, doch leuchtend. Es werden immer mehr. Stimmen sind zu hören, viele Stimmen. Jede erzählt eine Geschichte. Obwohl sie alle gleichzeitig sprechen, kann ich jede genau hören und verstehen, kann alles gleichzeitig aufnehmen. Es sind menschliche Geschichten, die sie erzählen. Sie teilen mit, was sie taten und weshalb, was sie im Innersten zu ihren Handlungen bewog. Schonungslos erzählen sie alles, lassen nichts aus, nicht die kleinste Kleinigkeit. Jedes einzelne Wort kommt mir vertraut vor. Es sind Handlungen, die ich früher als gut und schlecht beurteilt hatte. Jetzt jedoch gibt es keinen Unterschied mehr. Stattdessen breitet sich unbegrenztes Verständnis in mir aus für jede ihrer Erzählungen, weit weg von jedem Schuldspruch, von jedem Urteil. Ein Gefühl großer Zuneigung und Liebe wird lebendig und immer stärker, und mit ihm verblassen die Gesichter, verschwinden langsam, die Stimmen werden leiser und verstummen. Es ist alles gesagt. Und alles vergeben.

Das leuchtende Gesicht der Eule wendet sich mir zu. „Verstehst du, wer sie waren“, fragt sie. Es dämmert mir im selben Augenblick und wird klar und greifbar. „Ich selbst!“ „Ja. Es waren deine eigenen Gesichter, deine eigenen Stimmen, deine eigenen Geschichten. Die Welt bist du. Du hast es verstanden und hast dir selbst vergeben. Willst du jetzt weitergehen?“ „Was kann noch kommen?“ „Was immer du jemals gedacht hast und woran immer du noch hängst. Schau einfach.“

Ich flute weiter, der Eule hinterher. Lichtpunkte tauchen auf im pulsierenden Grün der Bäume, neue Gesichter und Gestalten formen sich. Sie werden zu Tiergesichtern, Katzengestalten. Auch sie erzählen Geschichten über Geschichten, jede einzelne ist mir vollkommen vertraut obwohl ich sie nie zuvor hörte. Und wie seltsam das ist, auch jede Farbe, in denen die Gestalten erscheinen, erzählt eine Geschichte. Je genauer ich hinhöre, desto mehr Details erkenne ich, unerklärlich. Mehr und mehr fließt alles zusammen, vereinigt sich zu einer gewaltigen Komposition, einer perfekten Einheit, in vollkommene Harmonie. Nichts ist mehr für sich, alles gehört zusammen, nichts fehlt. Jedes einzelne Teilchen macht das Ganze ganz. Nicht der kleinste Punkt, nicht die kleinste Farbe, Eigenschaft oder Gefühlsregung ist verzichtbar. Ich bin überwältigt, taumle fast.

Meine goldene Führerin sieht mich an. „Willst du weitergehen“, fragt sie. „Was kann noch kommen?“ „Alles, was du für möglich hältst.“ Doch es ist zuviel. Benommen bin ich, seltsam ist mir zumute, so viele Eindrücke, so viele Gedanken, alles zur selben Zeit, in fast keiner Zeit, alles konzentriert sich im unendlichen Jetzt. Ich scheine zu zerbersten. In diesem Augenblick zerfließt alles ins Nichts, Dunkelheit umgibt mich und ich weiß nichts mehr.

„Sie kommt zu sich!“ Verschwommen nehme ich Gesichter über mir wahr, mein Körper schmerzt, ist so schwer. Wo war ich gerade? Wo bin ich jetzt? Da war doch diese Leichtigkeit, und dieses Gold. Und diese großen Augen. Wem gehörten sie? Was ist geschehen? Ich kann mich nicht erinnern. Doch es war so wunderbar, ich muss wieder dorthin! Das Sehnen überwältigt mich! Erleichternde Müdigkeit überfällt mich ganz und gar und ich falle zurück, in den tiefen Schlaf, aus dem ich eben kam.

Tiefe Atemzüge, Herzschläge in hellem Licht. Nach einem langen, traumlosen Schlaf, habe ich die Grenze erneut passiert, mein Körper ist wieder schwerelos und tut willig, was meine Gedankenkraft aus den unendlichen Möglichkeiten auswählt. Und plötzlich steht ein Gedanke in aller Klarheit geradezu greifbar und unwiderlegbar vor mir: Immer schon tat mein Körper genau dies, nicht nur hier in dieser so anderen Welt. Ich sehe mich um nach der goldenen Eule und augenblicklich ist sie hier. „Führe mich weiter“, sage ich. Lächelnd wendet sie sich um und geht mir voraus. …

Ende 1. Teil

Am Kliff

Veröffentlicht August 11, 2010 von Amvita

Sie blickte dort hinunter und es war atemberaubend. Wieviele Meter stand sie über dem schäumenden Meer? Sie konnte es beim besten Willen nicht sagen… sie war jetzt gerade nur noch fähig, zu riechen, zu schmecken, zu hören und zu sehen, aber nicht zu denken. Das Kliff war sehr hoch. Die zerklüftete Gesteinswand schimmerte rötlich. Unten, wo sie vom tosenden Wasser umspült wurde, war sie dunkler, oben heller, silbriger. Sie saß direkt am Abgrund – so wie sie oft am Abgrund des Steinbruchs gesessen hatte, aber dies hier war viele Male höher -, und der Blick dort hinunter zusammen mit dem Wind, der vom Meer her wehte, nahm ihr immer wieder den Atem. Wie schon am Steinbruch – aber sehr viel stärker – fühlte sie ihren Körper von unten her pulsieren, wenn sie dort hinuntersah. Sie fühlte sich unglaublich lebendig. Kurios, wenn sie bedachte, zu welchem Zweck er und sie hierher gekommen waren. Sie spürte seine Hand auf ihrem Arm und sah ihn an. Sein Anblick war wundervoll. Sie glaubte, nie einen schöneren Menschen gesehen zu haben. Seine dunklen Augen wirkten so vertraut, obwohl sie sich erst vor wenigen Stunden zum ersten Mal gesehen hatten. Durch das, was sie und ihn hierhergeführt hatte, waren sie tiefer miteinander verbunden als beide jemals mit irgendeinem anderen Menschen verbunden gewesen waren. Er fühlte es ebenso, sie konnte es in seinen funkelnden Augen sehen. Ihr Bauch kribbelte und Wärme senkte sich ganz tief hinein. Nie hatte sie etwas Aufregenderes und Intensiveres erlebt. Seine dunklen Haare waren vom Wind zerwühlt. Plötzlich lachte er laut auf und nahm sie von hinten fest in seine Arme. Sie kamen sich wie Kinder vor, vollkommen frei. „Ich liebe dich… und alles!“, sagte sie und legte ihren Kopf an seine Brust. Sie spürte sein Herz und ihr eigenes. Es war derselbe Takt. Das Meer und der Wind und ihr Atem, alles hatte diesen Takt, und es schien ihr, als würde sogar die Erde unter ihr in diesem Rhythmus pulsieren. Der Himmel war unendlich blau, das Meer dunkler mit weißen Krönchen auf den Wellen. Sie sah alles, obwohl ihr Kopf immer noch an seiner Brust lehnte und sie ihre Augen geschlossen hatte. In ihr war nur noch Fühlen. So saßen sie noch lange bevor sie sich wieder gegenübersetzten, sich gegenseitig bei den Händen nahmen, um ihr Vorhaben zu wiederholen. Das war so ausgemacht, um zu sehen ob es noch dasselbe war wie zuvor, denn es war ihnen klar gewesen, dass es sich verändern könnte. Alles hätte anders sein können, wenn sie sich sahen und wenn sie dann an dem Ort waren, den sie sich ausgesucht hatten. Vorher hatten sie so viele Zeilen getauscht, so viele Worte gewechselt, jetzt aber kam eine Dimension hinzu, die viel gewaltiger als jedes Wort war. Das war die physische Präsenz, das Sehen, das Hören, das Spüren, der Raum um sie herum. Pixel lösten sich auf und wurden zu Raum, zu Farbe, zu Geräuschen und Gerüchen. Sie waren sich darüber einig, dass das Wichtigste war, völlig offen zu sein. Jetzt, als sie sich in die Augen sahen, merkten beide, dass sich keine weiteren Worte bilden würden, keine neuen. Alles war schon gesagt worden. Sie wussten, was geschehen würde. Es war keine Frage mehr. Jetzt war es Gewissheit.

Gib die Zügel

Veröffentlicht August 11, 2010 von Amvita

Ich dachte an ihn… ich sah ihn vor mir, ich roch ihn, ich phantasierte. Es war wohlig schön, in diesen Gefühlsbildern zu schwelgen. Ich lief auf diesem Kieselweg, wie so oft… Und plötzlich sah ich einen Mann von dem oberen Weg kommen, der hierher nach unten führte. Er näherte sich mir in großen Schritten, jedoch sehr ruhig. Zielsicher. Panik. Ich spürte Panik. Das war ER. Aber es gab ihn doch für mich nur innerlich, das konnte nicht sein. Er kümmerte sich aber nicht darum, ob es ihn gab oder nicht, er kam einfach näher. Ich spürte das prickelnde Gefühl meiner Phantasien zusammen mit Angst und Fluchtgedanken. So musste sich ein Karnikel fühlen, das man in die Enge getrieben hatte. Ich kannte dieses Gefühl aus manchen Träumen, in denen ich gejagt wurde und in denen meine kläglichen Fluchtversuche völlig sinnlos waren. Ich war chancenlos. So auch jetzt. Zuviel – zuviel – zuviel – Wie eine rot leuchtende Sirene dröhnte dieses Zuviel durch meinen Kopf. Wo waren die Fluchtwege?

– Flashback. – Ich sitze auf meinem Pferd, wir galoppieren in der großen Halle. Ich habe Einzelunterricht. Mein Lehrer steht in der Mitte und schaut eine Weile lang gelangweilt zu, wie ich mit meinem Pferd an ihm vorübergaloppiere. Ich spüre, dass er unzufrieden ist, seine ganze Körperhaltung drückt es aus. Ich überprüfe meine Haltung, finde keinen Fehler. Auch mein Pferd galoppiert auf dem richtigen Fuß. Was ist es? So sag es halt! „Und wann willst Du denn endlich galoppieren? Ich habe nichts von ,versammelt‘ gesagt oder?!“ Ähm… Jetzt erst merke ich, wie kurz ich mein Pferd halte. „Gib die Zügel!“ höre ich die Stimme meines Lehrers laut und fordernd. Ich tue es. Mein Pferd macht wie losgelassen einen riesigen Satz und wir galoppieren gefühlsmäßig doppelt so schnell weiter… in meinem Bauch prickelt es, mein Atem stockt für einige Galoppsprünge. Wir fliegen. Es ist himmlisch. Mein Lehrer brummt zufrieden: „Na also!“

Meine Fluchtversuche sind genau wie in meinen Träumen umsonst, er steht plötzlich vor mir und ich fühle mich als hätte er mich in seiner Aura vollkommen aufgesogen. Ich spüre ihn genau obwohl er mich nicht berührt. Aber dabei berührt er mich ja schon die ganze Zeit, und ich ihn. Es ist intensiv. Immer noch lehnt sich etwas in mir zurück, ist verkrampft, will weg. Ich höre von innen her eine Stimme, es ist die meines Reitlehrers: „Was ist los mit dir? Das Leben ist kein gehorsames Pferd wie bei mir im Reitstall sondern ein wildes Tier! Es lässt sich nicht an den kurzen Zügel nehmen. Es ist sinnlos, das zurückzuhalten! Wenn du die Zügel nicht gibst, kriegst du sie weggerissen wie nichts!“ Ich bin immer noch erstarrt. Dann höre ich seine Stimme noch einmal, laut, voller Nachdruck und Ungeduld: „Gib die Zügel!!!“ Im selben Moment werden sie mir aus den Händen gerissen…

Die Hinrichtung

Veröffentlicht Juni 11, 2010 von Amvita

Die Hinrichtung

Ich werde zur Hinrichtung abgeholt. Es gibt keinen Aufschub. Es wird Jetzt geschehen, d.h. sobald der Ort erreicht ist, wo die Vorbereitungen getroffen wurden. Meine Hände auf dem Rücken gefesselt, meine Augen verbunden, spüre ich mächtige Hände, die links und rechts meine Arme hart umfassen und mich nach vorne treiben. Fast habe ich das Gefühl, beim Gehen mit den Beinen nur in der Luft zu strampeln, so fest halten mich die Hände während sie mich irgendwie nach oben drücken. Diese Männer müssen Bären sein, stelle ich mir vor. Ich hatte sie nicht gesehen. Sie waren erst gerufen worden, als meine Augen bereits verbunden waren. In meinem Magen ist Aufruhr, mein ganzer Körper kribbelt. Jetzt, Jetzt, Jetzt… denke ich nur noch, immer nur dieses eine Wort: Jetzt… Jetzt… Jetzt… Wie ein Mantra, wie ein Rettungsring ist es. Es trägt mich, ich fließe auf diesem Jetzt. Und in Sekundenschnelle strömt durch meinen Kopf, wie es begonnen hatte. Vor 11 Jahren war die erste Nachricht gekommen, dass ich mich darauf vorbereiten müsste, zur Hinrichtung abgeholt zu werden. Was der Grund sei, wüsste ich ja bereits. Wann ich abgeholt würde stünde noch nicht fest, jedoch „in nächster Zeit“. Ich war entsetzt, ich konnte nicht glauben, was ich da las. Ich wüsste den Grund bereits? Gar nichts wusste ich. Ich hatte nichts getan. Ich setzte mich mit der Stelle in Verbindung, von der der Brief stammte, zitternd, unendlich aufgeregt, voller Angst… es konnte doch nur ein Irrtum sein, ich brauchte mich deshalb doch nicht zu fürchten. Trotzdem fürchtete ich mich schrecklich. Vertrauen in die Macht über den einzelnen gab es ja schon seit längerem nicht mehr. Früher einmal hatte man sich auf Gerechtigkeit und Gutwilligkeit und Aufrichtigkeit verlassen können, aber das war lange vorbei. Willkür herrschte. Aber doch nicht sooo eine Willkür? So weit konnten sie doch nicht gehen! Wenn man wirklich nichts getan hatte? Warum denn auch? Der Beamte dort suchte in den Unterlagen, fand etwas, las unverständlich murmelnd, und erklärte mir dann nüchtern, dass das schon seine Richtigkeit habe mit dem Bescheid. Ich müsse diesen so hinnehmen. Weiteren Einblick könne er mir leider nicht gewähren. „Dann werde ich zu einem Anwalt gehen!“ schrie ich hysterisch. Der Beamte verzog keine Miene, nickte nur, sagte aber, was seinem Nicken ganz zuwiderlief: „Das wird nichts ändern, die Einspruchsfrist ist bereits abgelaufen.“ Mein Herz raste. „Wie kann das sein, ich habe diesen Bescheid doch heute erst erhalten!“ Der Beamte blickte noch einmal auf die Unterlagen, blätterte zurück, las, und sagte: „Sie haben diesen Bescheid bereits vor acht Wochen zugestellt bekommen. In dieser Zeit hätten sie Einspruch einlegen können. Jetzt geht das nicht mehr. Sie haben sich also einverstanden erklärt, indem sie sich nicht geäußert haben.“ Mir wurde abwechselnd heiß und kalt… und ich schrie: „Ich habe keinen solchen Bescheid erhalten… vor acht Wochen!“ „Hier ist ein Vermerk, dass er abgeschickt wurde… nein,  sogar persönlich übergeben wurde von dem Beamten K. Erinnern Sie sich daran nicht?“ „NEIN!! Bei mir war kein Beamter K!“ „Aber wir haben hier sogar eine Bestätigung des Erhalts von Ihnen!“ Er runzelte die Stirn, weil er ja eigentlich keinen weiteren Einblick in die Akte geben durfte, rang sich dann aber durch, den kleinen roten Zettel aus dem Ordner zu nehmen und ihn mir vor die Augen zu halten. „Hier“ sagte er und deutete auf die Unterschrift im rechten unteren Eck: „Ist das nicht Ihre Unterschrift?“ Ich starrte auf die Unterschrift… ich konnte das nicht glauben. Das war wirklich meine Unterschrift. Jedenfalls sah sie genauso aus. Plötzlich wich alle Kraft aus meinem Körper. Ich sank zusammen. Der Beamte stürzte hinter seinem Schreibtisch hervor, hielt mich, half mir auf die Holzbank, die an der Wand stand. „Warten Sie, ich bringe Ihnen ein Glas Wasser.“ Wie aufmerksam von ihm. Ich wartete nicht, dass er zurückkäme. Wie in Trance stand ich auf und verließ das Büro und das Gebäude, taumelte die Straßen entlang. Ich konnte nichts mehr denken. Irgendwann stand ich auf einer Brücke, starrte in das Wasser unter mir, ich weiß nicht wie lange… als ich auf einmal direkt neben mir eine Stimme hörte: „So schlimm wird es schon nicht sein.“ Ich starrte den gütig lächelnden weißhaarigen Mann an, der neben mir stand. Ich wurde wütend. „Was wissen SIE denn?! Nichts!“ „Dann sagen sie mir das, was ich nicht weiß“, erwiderte er ruhig. Ich konnte mich seiner Ausstrahlung nicht entziehen und wurde durch seine Anwesenheit tatsächlich aus diesem Horror gerissen, der sich in mir abspielte. Sein Lächeln war weich und offen. Mir gelang tatsächlich ein kleines Lächeln als ich sagte: „Gut, ich erzähle Ihnen, was geschehen ist. Sie werden es sicher, genau wie ich, kaum glauben können…“

Am Geländer der Brücke lehnend erzählte ich dem alten Mann, der eigentlich, trotz seiner weißen Haare und der Runzeln in seinem Gesicht nicht alt wirkte, was geschehen war. Ich geriet dabei mehr und mehr in Aufregung, in Hysterie… mein Puls raste wieder und meine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Beim Erzählen erlebte ich meine Hilflosigkeit der Situation gegenüber derartig stark, dass meine Stimme kippte und ich schließlich verzweifelt in Tränen ausbrach… Der alte Mann berührte mich nicht körperlich, aber als er sprach war es, als würde seine Stimme mich umarmen und halten. Er sagte: „Nimm das alles als Chance. Du bist wirklich gesegnet.“ Mein Verstand revoltierte. Gesegnet! Mein Gott! Was redete er da! Doch mein Herz öffnete sich und wollte mehr hören. „Was soll das denn heißen?“, fragte ich atemlos. „Das, was die Menschen am meisten fürchten, weil sie es nicht verstehen, ist der Tod. Und sie denken gar nicht daran, sich mit ihm zu befassen, obwohl sie ganz genau wissen, dass er auf sie zukommt, unausweichlich. Ist das nicht ein bisschen komisch? Ein schönes Gleichnis habe ich darüber einmal gehört. Unser Leben ist, als würden wir in einer vielleicht 80 Jahre währenden Zeitlupe einen Abgrund hinabstürzen. Der Tag der Geburt ist der Moment, indem wir springen – oder gestoßen werden, wie du willst. Es ist klar, was geschehen wird, es ist ganz klar, dass wir unten aufschlagen werden. Doch wir tun in der Luft alles mögliche, um die Zeit zu verbringen, so dass wir vergessen können, was geschieht. Wir halten uns an Ästen und Felsvorsprüngen fest, die aber definitiv wieder brechen und uns nicht retten. Auch das ist klar. Trotzdem tun wir alles, um das Unvermeidliche hinauszuzögern und uns dem nicht zu stellen.“ Ich blickte in seine fast schwarzen Augen, die so überaus lebendig leuchteten, und, ganz berührt von diesem Gleichnis, sagte ich: „Aber was soll man denn tun? Nicht leben? Nur den Aufschlag abwarten?“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Was ist Leben? Ist das, was sie da verzweifelt tun, um sich abzulenken, wirklich das Leben? Was für ein verzweifeltes Leben ist das?“ Wir sahen uns an, schwiegen lange. Ich verstand ihn, irgendwie. Ich spürte, in dem, was er sagte, steckte sehr viel. Gleichzeitig spürte ich den Horror des gerade Erlebten. Und beides ging nicht zusammen. Da waren abwechselnd Gefühle von Wärme und Vertrauen und von nackter Angst. Ich sagte es ihm. Er nickte. „Das verstehe ich, durch das geht jeder, der aufgewacht ist.“ „Ich habe das nicht gewollt! Wenn das Aufwachen ist, dann will ich lieber weiterschlafen!“ „Wirklich?“ lächelte er. Ich sagte nichts. Wirklich? Wirklich?… hallte es in mir nach. Ich war nicht bereit, mich auszuliefern, denn so fühlte sich das an, was der Mann da sagte. Seine Botschaft schien zu sein: Gib auf, liefere dich aus. Nein. Ich konnte das nicht. Ich verstand ihn, aber ich konnte es nicht. Wie konnte ich das Grauen in mir denn stoppen? Doch nicht, indem ich einfach nichts tat? Einfach alles geschehen ließ?

„Probiere dies hier“, riss er mich aus meinen wirren Gedanken. „Lass alles beiseite, was nicht ,Jetzt’ ist. Alles, was in dir ist, was nicht mit ,Jetzt’ übereinstimmt. Überlasse die Entscheidung, was was ist, Deinem Herzen, es wird sich nicht täuschen. Versuche es, bis wir uns wiedersehen.“ Er machte einen Schritt, straffte den Körper, und es war klar, er hatte entschieden, dass es Zeit sei, zu gehen. „Wann sehen wir uns wieder?“ fragte ich gebannt. „Wenn du es ausprobiert hast und mir darüber berichten möchtest“, lächelte er. Er legte seine warme Hand sehr liebevoll und wie zum Gruß an meine Schulter und entfernte sich. „Aber wie… wo finde ich Sie denn?“ Er drehte sich um, winkte kurz und rief leise: „Das ist kein Problem, mach dir keine Sorgen darüber. Wir treffen uns dann schon, wenn du soweit bist.“ … … … Ich starrte ihm hinterher. „Aha…“…

Ich hatte eben mitgeteilt bekommen, dass man mich hinrichten würde, und dieser Mann gab mir so eine simple Aufgabe. Ich schüttelte innerlich mit dem Kopf. Was sollte das denn bringen?! Aber die Begegnung hatte einen starken Eindruck auf mich hinterlassen. Dieser Mann war etwas besonderes und was er sagte, hatte, auch wenn es so simpel klang, irgendwie Gewicht. Und was hatte ich für Alternativen? Von dieser Brücke hier hinunterzuspringen oder mich mit meiner Situation irgendwie zu befassen, mehr nicht. Sinnierend stieß ich mich vom Geländer weg und ging langsam nach Hause.

Ich wusste, ich hatte keine Zeit mehr. Denn ich wusste nicht, wann sie kommen würden, um mich abzuholen. Es konnte morgen sein, oder heute noch… Es konnte auch nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr. Aber eigentlich musste ich jede Minute damit rechnen. Wie ich wusste, kam es vor, dass sie auch des nachts Menschen abholten. Eigentlich blieb mir nichts übrig, als wahnsinnig zu werden. Flucht war nicht möglich, sie fanden einen überall, sie konnten alles überwachen. Der Chip, der, wie zuvor den Hunden und Katzen, schließlich auch den Menschen eingepflanzt wurde – im Namen der Sicherheit – verriet ihnen immer genau, wo man sich aufhielt. Sie spielten ein schlimmes Spiel. In vielen Dingen des Alltags schien die Entwicklung rückwärts zu gehen… auch das alte Rollenbild von Frau und Mann war wieder aufpoliert worden. Dass Frauen arbeiten gehen wurde zwar nicht verboten aber immer stärker behindert. Die Pille wurde aus angeblich „gesundheitlichen Gründen“ immer seltener verschrieben. Frei verkäuflich war sie schon lange nicht mehr. Die Menschen sollten altmodisch leben und supermodern überwacht werden. Die totale Kontrolle war das Ziel. Das Leben sah grau aus seit sie an der Macht waren, und wurde immer grauer. Wir kamen uns manchmal vor, als wären wir Schauspieler in einem Schwarz-Weiß-Film. Wir fragten uns auch, wer eigentlich diejenigen waren, die diese Welt wollten. Sie waren nicht greifbar. Wir waren doch selber Teil davon, wir machten das doch möglich, oder nicht? Aber es gab irgendwie keine Angriffsfläche, keinen Anhaltspunkt… alles war nebelig, undurchdringlich. Und alles lief, wie sie es wollten. Jeder, der sie unterstützte, tat ja nur seinen Job. Andernfalls wäre er abgeholt und ausgetauscht worden.

Da ich also keine Zeit und keine Wahl hatte, setzte ich mich zuhause hin, um durchzuführen, was der alte Mann mir geraten hatte. Alles weg tun, was nicht „Jetzt“ war, hatte er gesagt. Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was ich da machen sollte… ich sprach den Satz laut aus, schloss die Augen und wartete. Zuerst war da nichts, doch dann alle möglichen Gedanken. Da war so ungeheuer vieles, was nicht „Jetzt“ war… war es nicht sogar alles? Jeder Gedanke? Auf jeden Fall war das, was heute geschehen war, nicht „Jetzt“. Wie erstaunlich, diese Einsicht gleich zu Beginn! Die ganze Horrorgeschichte war „Jetzt“ gar nicht da. Jetzt war ich frei. Und alles, was durch sie in die Zukunft geschrieben schien, war ebenfalls nicht „Jetzt“, nicht da. Das Gedankenkarussell wurde immer langsamer, je mehr ich nicht zum „Jetzt“ Gehöriges aussortierte. Alle Gedanken, alle Theorien, waren weggelegt. Jetzt tauchten Gefühle auf. Waren sie dem „Jetzt“ zugehörig? Ja, eindeutig. Hinter den Gefühlen der Angst, lauerten jedoch die Gedanken… bereits weggelegte Gedanken über die Horrorgeschichte waren es. Es schien, als hätten sie die Fäden in der Hand, an deren Enden die Gefühle in meinem Leib wie Marionetten zappelten und hampelten. Ich legte diese Gedanken zum zweiten, dritten, vierten Mal weg, so oft sie eben kamen. Beharrlich. Wie viel Beharrlichkeit man doch haben kann, wenn man chancenlos ist und es nichts mehr bringt, etwas auf die lange Bank zu schieben.  Irgendwann verschwanden die Gefühle der Angst, des Zorns, der Hilflosigkeit. Was war übrig? Mein Körper, den ich spürte. Meine Gliedmaßen, mein Kopf, mein Leib, meine Knochen, Muskeln, Organe. Gehörten sie dem „Jetzt“ an? Ja. Ich spürte sie jetzt. Eines Tages würden sie ein Berg toten Fleisches sein. Vielleicht schon morgen. Wieder Gedanken, die nicht dem „Jetzt“ angehörten. Ich kam zurück zu diesem sehr lebendigen, warmen Körper. Ich spürte ein leises Kribbeln in den Fußsohlen und den Handflächen. Es wurde immer stärker und breitete sich im ganzen Körper aus. Erstaunt beobachtete ich, wie sich mein Körper quasi in meiner Gegenwart – mit mir selbst als Zeugen – kribbelnd auflöste. Das Kribbeln verschwand ins Nichts und hinterließ keinerlei Körpergefühl mehr. Es war nicht mehr vorhanden. Ich spürte den Körper nicht mehr. Aber ich – die ich offensichtlich etwas anderes als der Körper war – war noch da. Dann sah ich, irgendwo von der Decke aus, ihn plötzlich unter mir liegen. Ich erschrak nicht. Ich dachte: Eigentlich müsste ich doch erschrecken… ist das nicht abstrus? Nein, es war irgendwie völlig normal. Ich war in Frieden. Da lag er, mein Körper, mit geschlossenen Augen, ganz entspannt. Ich empfand Freude über ihn. Irgendwie sah er ganz rührend aus… unschuldig und schön, als wäre er mein Kind. Ich freute mich, dass ich ihn hatte, und auch, dass ich mehr als er war. Dann schlief ich ein, mit einem, wie ich am nächsten Morgen urteilte, der Situation so gar nicht angepassten Wohlgefühl.

Ich wachte auf und musste lange nachdenken, um an mein Leben von gestern wieder anknüpfen zu können. Die Fäden waren über Nacht irgendwie völlig verworren und ihre Enden nicht so leicht wieder zu finden. Zwischendurch beschäftigte mich die Frage, was denn wäre, wenn ich das einfach nicht täte? Kann man sich nicht am Morgen ein anderes Leben ausdenken? Es besteht ja offenbar nur aus Gedanken. Nun ja, ich hatte bereits ganze Arbeit geleistet, die Kontinuität des gestrigen Traums oder Albtraums oder wozu auch immer mein Leben inzwischen geworden war, war wieder präsent. Ich war also die Person, die hingerichtet werden sollte. Ohne zu wissen wann. Und ohne zu wissen, weshalb. Und ich hatte einen alten Mann kennen gelernt, der mir mit einer einfachen Methode gezeigt hatte, dass das Leben mehr ist als das, was gedacht wird. Vielleicht ist es sogar ausschließlich das, was nicht gedacht wird. Ich trat schlaftrunken an das gekippte Fenster, um es ganz zu öffnen, da sah ich den alten Mann draußen auf der Straße gehen. Ich war nicht überrascht. Er sah direkt zu mir und hob zum Gruß kurz die Hand, lächelnd. Ein Glück, ihn zu sehen! Denn gerade hatten die Schatten des Horrors begonnen, sich wieder über mich zu legen… mich fröstelte, und ich spürte einen Druck auf der Kehle. Ich öffnete schnell das Fenster, winkte ihm, und als er näher gekommen war, rief ich hinaus: „Haben Sie Zeit für einen Spaziergang?“ Er nickte. Ich war froh. Ich musste unbedingt mit ihm über meine gestrigen Erfahrungen sprechen… und ihn fragen, wie ich weitermachen sollte.

Als wir etwas später am Flussufer entlang gingen hörte er aufmerksam zu, nickte und lächelte mit einem Leuchten in seinen Augen, das mir wie ein Rettungsanker vorkam. „Und nun? Wie geht es weiter? Heute morgen hätte mich der Horror gepackt, wenn ich nicht sofort Sie auf der Straße gesehen hätte und wir jetzt hier zusammen wären. Was soll ich mit dem Horror tun?“ „Genau das, was du gestern damit getan hast. Du hast das wunderbar gemacht, wirklich wunderbar.“ „Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das reicht! Ich habe Angst, dass mich die Angst verschlingt!“ „Merkst Du etwas? Nun sprichst du schon gar nicht mehr vor der Angst vor der Geschichte, sondern von der Angst vor der Angst. Du machst große Schritte! Denn das ist das Paradox, das am Ende der langen Schlange von Ängsten steht: die Angst vor der Angst. Hier verrät sie sich schon selbst als gar nicht existent. Die Angst vor der Angst ist nur ein sich ständig selbst generierendes Dauerprodukt des Verstandes. Mit Gefühlen hat sie gar nichts zu tun, sie löst nur einige Körperemotionen aus. Du musst wissen: Sie ist eine Erfindung des Geistes, sie ist nicht real. Wenn sie real wäre, hätte sie dich gestern bei deiner Meditation nicht zur Ruhe kommen  lassen; aber sie konnte nichts tun, weil du dich nicht um sie gekümmert hast und sie in dem Moment das war, was sie immer ist: irreal.“

„Ja, das ist alles einleuchtend. Aber…“ ich stockte… wusste nicht recht, wie ich das „Aber“ in mir ausdrücken sollte. … Schließlich sagte ich: „Aber ich will nicht Sterben! Nicht so!“ „Gut“, sagte er und nickte verständnisvoll.“ „Das ist etwas anderes, das hat nichts mehr mit der Angst zu tun. Befassen wir uns also damit. Du willst nicht sterben. Aber du stirbst bereits. Seit du geboren wurdest stirbst du schon. Ich bin mir sicher, dass du dir dessen bewusst bist. Und auf welche Weise du letztendlich deinen Körper endgültig ablegst, das steht ja gar nicht fest. Da steht etwas auf diesem Bescheid, das passieren könnte. Aber ob das passiert weißt du erst, wenn es passiert. Was ist Jetzt? Bleibe hier. Auch mit dem Widerstand gegen das Sterben, bleibe hier.“ „Ich will es versuchen, aber ich weiß gerade nicht, wie ich das machen soll. Wie kann ich mich im Jetzt mit dem Sterben befassen? Ich weiß, dass der Körper älter wird und man quasi immer ein bisschen stirbt, aber das fühle ich nicht im Jetzt. Im Jetzt bin ich eigentlich immer jung.“ Er lächelte auf eine Weise, die mir sagte, dass er sich über meine Antwort freute. „Ja, ich auch!“ Er lachte laut. „Die Falten in meinem Gesicht passen mit dem inneren Gefühl nicht so richtig zusammen. Aber sie gehören eben dazu, zu diesem Menschsein. Das Sterben gehört zum Menschsein. Aber nimm das, was ich hier sage, nicht einfach so hin. Frage nach innen, in dich hinein, was der Tod bedeutet, was er ist. Erforsche ihn selbst. Ich habe dir gesagt, dass du gesegnet bist, ich wiederhole es: sehr gesegnet bist du, dass du dich durch dieses Ereignis jetzt auf diese Weise damit befassen kannst. Du hättest es freiwillig nicht so intensiv getan, obwohl du fähig und bereit bist. Also nimm dem Schicksal diesen Streich nicht übel…“ er grinste lausbübisch. Ich grinste zurück und konnte es gleichzeitig kaum glauben, dass ich fähig war, jetzt zu grinsen. Im selben Moment spürte ich innerlich ein starkes Gezogensein, wie wenn man kurz vor der Spitze eines sehr steilen Berges steht und es einer letzten Kraftanstrengung bedarf, die Spitze zu erreichen. Eine Weile ist es nicht sicher, ob man es schafft oder ob man wieder nach unten rutscht. Doch dann kommt eben dieses Gezogensein, man macht mit Schwung den letzten Schritt, und ist oben und weiß, man kann nicht mehr zurücksinken. So kam ich mir vor. Ich fühlte mich auf einmal sicher und war  voller kindlicher Neugierde. Die Spitze des Berges war nicht das Ende. Sie war ein großes Plateau, das man erforschen konnte, und an ihrem anderen Ende ging es weiter bergauf, das war vorher nicht zu sehen gewesen. Da stand ich nun also, bereit, den Tod zu erforschen.

Ich öffnete die Augen. Wir saßen auf einer Bank am Flussufer. Der alte Mann sah, was in mir geschehen war. Wir sahen uns wieder lange in die Augen. „Und jetzt?“ fragte ich ohne Worte. Da sagte er: „Leg dich zuhause hin, auf den Rücken, leg die Hände auf deine Brust, schließe die Augen. Und dann sei tot. Stelle dir nicht vor, tot zu sein, sondern sei es. Probiere das aus“, sagte er alte Mann. „Wir sehen uns wieder, wenn du es möchtest.“ Er berührte wieder meine Schulter, um sich zum Gehen zu wenden… bevor er aufstehen konnte umarmte ich ihn, küsste ihn auf die Wange. … Sofort als ich zuhause war legte ich mich auf das Bett.

Ich schloss die Augen, legte mich ganz gerade auf den Rücken, die Beine an einander, die Hände auf den Rippen. Ich überlegte noch, ob ich sie falten sollte wie man es mit den Toten machte. Ich tat es. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, mich jetzt in einen Toten hineinfühlen zu können… Was für ein Unsinn, dachte ich sofort. Ein Toter fühlt ja gar nichts mehr, wie soll man sich in ihn hineinfühlen. Diese Körperstellung wird er sicher gar nicht mehr wahrnehmen, weil er dann schon gegangen ist. Was nimmt er im Moment des Sterbens wahr? Das ließ gleich die nächste Frage entstehen: Wann genau ist der Moment des Sterbens überhaupt? All die Fragen schienen so interessant, aber ich wusste, eine Antwort würde ich nicht durch weiteres Nachdenken bekommen. Ich ließ all diese Gedanken und Fragen los und richtete meine Wahrnehmung allein auf meinen Körper, der wie tot dalag. Jahrtausende lang waren Menschen gestorben und meistens lagen sie am Ende so da wie ich jetzt. Sehr gut möglich, dass etwas sich in mir erinnerte, was diese Position bedeutet und ich auf diese Weise etwas erfahren konnte.

Plötzlich spürte ich etwas Eigenartiges. Es war, als ob all meine Körpersäfte zum Hals strömten und von da durch den Nacken in die Erde sickerten. Ich ließ es geschehen, und es fühlte sich wundervoll an, es war ein intensives, wohliges Gefühl, das immer mehr anstieg, immer intensiver wurde, ekstatisch. Es fühlte sich an, als ob ich mich in die Erde hinein erweiterte und mich in ihr immer weiter ausbreitete… und als ob ich dann von dort nach oben stieg, in die Luft… den herben Geruch und die stumpfe Berührung des Grases, durch welches ich strömte, mit mir nehmend.. und dann wusste ich nicht ob ich selbst die Luft war oder die Feuchtigkeit, welche sie trug, oder vielleicht die Wärme der Feuchtigkeit, welche die mikroskopisch kleinen Tröpfchen emporsteigen ließ. Was war ich? Ich fühlte mich überall präsent, ohne irgendeinen Zwischenraum, der nicht ich wäre… unendlich breit und hoch war ich, unendlich wach, ein unendliches Alles. Mein kleines Körperchen war vergangen, aber immer noch existent. Es lebte, verwandelt, in allen Elementen weiter. Und immer noch war etwas da, das sich selbst wahrnahm und alles beobachtete. Etwas, das voller Frieden war und voller Freude, und voller Schönheit. Es bestanden keine Fragen, es bestanden keine Probleme. Ich versuche mein bestes, aber man kann es, wenn man, zurückgekehrt, nur wieder Worte zur Verfügung hat, nicht so wiedergeben, wie es wirklich ist. – Irgendwann konzentrierte sich das, was ich war wieder – dieses Unendliche im Unendlichen wurde kleiner und kleiner, unendlich klein. Es floss aus allem, worin es war, wieder heraus und nach innen, zuerst aus allen Richtungen, dann aus immer weniger Richtungen, am Ende nur noch aus zwei Richtungen… und floss schließlich zu einem einzigen kleinen Punkt zusammen, meinem neuen Ich. Ich befand mich wieder in einem Mutterleib.

Ich sah ihn an. „Dann kribbelte auf einmal mein ganzer Körper und ich wachte auf. Ich konnte mich nicht sofort bewegen, erst als das Kribbeln abgeklungen war. Ich musste mich sammeln und erinnerte mich dann so langsam an alles, was geschehen war… falls das überhaupt wirklich geschehen ist…“ Wir saßen wieder am Fluss, wo wir ungestört waren. „Naja, es ist nicht so wichtig, welche Meinung das Denken darüber hat“, erwiderte der alte Mann. „Was Du erlebt hast, ist existentiell, das geht weit darüber hinaus. Du bist unglaublich schnell sehr weit gekommen… Man sieht, es war wirklich an der Zeit, dass etwas geschehen würde, um dir das alles bewusst werden zu lassen.“ „Ist das das Ziel für uns alle?“ „Nein. Nach meiner Auffassung gibt es keine Ziele, und schon gar nicht eines für alle. Es gibt einfach das, was ist. Jeder Mensch steht da, wo er steht und erfährt, was er erfährt. Das ist alles. Das ist das Leben.“ „Dann braucht niemand von uns etwas von jemand anderem zu lernen. Wieso lerne ich dann aber von dir?“ Plötzlich fiel mir auf, dass ich ihn duzte. Er nahm davon keine Notiz und da es so natürlich war, beließ ich es dabei, ohne es zu kommentieren. „Du lernst nicht von mir, du lernst immer nur von dir selbst. Ich bin in dem Moment einfach eine… sagen wir ,Außenstation’ von dir selbst… eine Art Leinwand, auf der du dir ansehen kannst, was in dir ist. Du kommunizierst mit dir selbst. Meine Antworten sind die Antworten, die du in dir noch nicht entdeckt hast, obwohl sie da sind. Jetzt entdeckst du sie eben in mir.“ Und fügte schmunzelnd hinzu: „Vergiss den alten Mann einfach.“ Wir blieben noch eine Weile nebeneinander am Fluss sitzen und schauten dem Wasser beim Fließen zu, was mir jetzt ebenfalls wie etwas vorkam, das von meinem Inneren nach außen geworfen wurde. Vor allem nach dem fließenden Erlebnis, das ich hatte, als ich „tot“ war. Lange saßen wir da, einfach so, ohne zu sprechen. Dann kamen, sparsam, die Worte zurück. „Ich hoffe, wir werden uns trotzdem wiedersehen, auch wenn du nur ich bist“, sagte ich lächelnd. „Das werden wir sicher, wenn du es willst.“

Es vergingen elf Jahre, in denen von Seiten der Behörden nichts geschah. Da ich das ja nicht wusste, und jederzeit damit rechnen musste, einen weiteren Schrieb zu erhalten oder gleich abgeholt zu werden, war ich zu meinem Segen mehr oder weniger gezwungen im Hier und Jetzt zu leben. Pläne? Ja, ich machte Pläne, und manchmal führte ich sie auch aus, aber auch das geschah nur im Hier und Jetzt. Ich lernte maximale Flexibilität und die Freiheit, an nichts so anzuhaften, dass der Schmerz des Loslassens mich verzweifeln ließ. Einen Plan zu ändern war nicht mehr schwierig. Etwas, was sicher schien, abblasen zu müssen, kein Drama. Ich wunderte mich selbst über die Leichtigkeit, die darin lag. Ich fühlte mich frei.

Ich nutzte die Zeit, die mir geschenkt war, um das Plateau zu erforschen, das ich vor elf  Jahren mit Hilfe dieses alten Mannes erreicht hatte. Immer wieder, wenn Angst mich plötzlich umfing, spürte ich das sofort und schälte diese Hülle der Angst  ab, worauf sie sich in Nichts auflöste, wie immer. Wichtig war, aufmerksam zu sein, und sie sofort zu bemerken, so dass es nicht geschehen konnte, dass sich viele Schichten der Angst um mich legten, denn dann wurde es viel schwieriger. Auch das geschah in diesen Jahren noch einige Male. Die ersten beiden Male tauchte der alte Mann auf, um mich zu unterstützen, danach schaffte ich es alleine… wobei ich mich aber nicht alleine fühlte, innerlich war er bei mir… Manchmal revoltierte mein Verstand. „Wieso muss mein ganzes Leben, das jeden Tag vorbei sein kann, mit so einer wahnsinnigen Disziplin belastet sein? Bin ich dafür auf der Welt?“ In diesen Momenten war keine Leichtigkeit mehr zu spüren, sondern nur schwere Pflicht, und es fühlte sich so an, als ob jede Nachlässigkeit von mir sofort bestraft würde. Der Gedanke erschien: „Wenn du das nicht weiter machst, dann geht’s dir richtig dreckig, wenn sie dich abholen und auch schon vorher!“ Aber ich durchschaute auch das als reines Egospiel. Immer wenn das Ego dabei war, das Ruder zu übernehmen, kam auch die Schwere. Wenn es sich zurückhielt, war das Üben nicht schwierig, sondern leicht, war eigentlich gar kein Üben, sondern einfach das Leben. Dann fühlte ich mich absolut frei. Nichts konnte mir etwas anhaben.

„Ich bin dabei, den Tod zu überwinden. Und ich habe das diesem verrückten Staat und seiner undurchdringlichen Korruption und gewalttätigen Herrschaft zu verdanken. Wie verrückt das nur ist!“ – dieser Gedanke stieg in mir hoch und berührte mich bis ins Innerste. Plötzlich sah ich alles in einem anderen Licht. Alles, auch das Böseste, konnte für den, der es erlebte, eine Hilfe sein. Zumindest ein Angebot, das er annehmen oder ablehnen konnte. Ich war froh angenommen zu haben. Ich spürte das Leben in mir fließen. Und seit meinem Erlebnis ganz am Anfang wusste ich genau, wie es war, wenn es aus mir herausfloss, und dass ich dann nicht leer zurückblieb, sondern dass ich selber das Fließen war… Mein Körper war etwas, das ich selber belebte… er war etwas, durch das ich hindurchfloss… ich floss in ihn hinein, erfüllte ihn so sehr ich konnte, und verließ ihn dann wieder. Darin war nicht Tragik, nicht Trauer, nicht Angst, sondern absolute Schönheit, absoluter Zauber. Ich war aber auch der Körper, ich wusste, wie es war, stark zu sein, immer stärker zu werden, und dann wieder Kraft zu verlieren, immer schwächer zu werden, bis ich leer war. Magie des Lebens. Ich und Du. Das Vergehen war ebenso wie das Geborenwerden und das pulsierende Leben ein großes Erlebnis. Das Kommen und Gehen geschah ewig, war unvergänglich, ein grandioses Spiel. Geborenwerden war nicht besser als Sterben, beides war das Leben. Identitäten gab es so viele wie Sterne in allen Welten… und sie erschienen und vergingen auch tatsächlich wie Sterne. Es gab keinen Verlust. Ganz offensichtlich nicht. Keinen Tod. Jedenfalls nicht in einem Sinn, der dem Leben widersprach. Auf einmal war alles ganz offensichtlich. Und ich war gänzlich bereit.

Nun spürte ich also ihre Hände, die meine Arme fest umklammerten und mich vorwärtstrieben. Meine Augen waren verbunden, in die Ohren hatte man Ohrstöpsel gesteckt, so dass ich nur noch dumpf irgendwelche Laute hörte, und meinen Mund hatten sie geknebelt. Ich war völlig orientierungslos und mein Hirn meldete mir absolute Verwirrung. Durch den Knebel fiel mir bei dem Tempo, das die Kerle links und rechts von mir vorlegten, das Luftholen immer schwerer. Ich keuchte, die Brust wurde mir eng. Ich sackte immer wieder zusammen. Panik meldete sich. Doch sie liefen im selben schnellen Tempo einfach weiter und achteten nicht auf mich. Mein Gewicht schien für sie gar nicht zu existieren. Als es schien, dass ich gar keine Luft mehr bekam, merkte ich plötzlich, wie ein erlösendes, schwarzes Nichts mich umfing. Ich weiß nicht, wie lange es währte.

Dann sah ich auf einmal den alten Mann wieder. Ich freute mich sehr, denn es waren einige Jahre vergangen, in denen ich ihn nicht mehr gesehen hatte. Er stand am Flussufer, nahe „unserer“ Bank. Im Nu, als wäre ich gar nicht gelaufen, war ich bei ihm und wir umarmten uns. Sein Lächeln war warm und er legte alle Herzlichkeit und Liebe in ein einziges Wort der Begrüßung: „Willkommen!“ Ich blickte ihn erstaunt an… was für eine eigenartige, feierliche Begrüßung. Er machte eine Geste zur Bank hin und schon saßen wir darauf.

„Sie haben dich gerade ziemlich grob und rücksichtslos behandelt, daher war dein Übergang früher als ich erwartet hätte. Du hast ihn gar nicht bemerkt.“ Er lächelte sanft und sagte: „Schau!“ Ich wusste nicht, was er meinte und wohin ich schauen sollte, doch auf einmal sah ich, was er meinte. Ich sah mich, meinen Körper, links und rechts gehalten von zwei großen, muskulösen Männern. Kraftlos hing er zwischen ihnen und war eigentlich kaum zu erkennen, mit dem fast rundum verbundenen Gesicht. Gerade betraten sie mit mir durch ein eisernes Tor den weitläufigen Innenhof eines langgestreckten, hohen Gebäudes. Es sah aus wie das Gerichtsgebäude, in welchem ich vor elf Jahren mit einem Beamten ein unvergessliches Gespräch über meine Hinrichtung geführt hatte. Welch unsagbare Verzweiflung, damals in mir war! Und nun war es soweit, und ich saß völlig ruhig und sicher auf einer Bank, in Gesellschaft meines besten Freundes, und betrachtete alles wie einen Film. Jetzt erst dämmerte mir, was geschehen war. Ich sah meinen Freund an und sagte: „Ich bin also schon tot?!“ Die Worte kamen halb fragend, halb ausrufend aus mir heraus. „Was man eben so ,tot’ nennt“, lächelte er. „Du bist weitergegangen. So wie wir alle immer weitergehen.“

Ich sah wie sie meinen Körper auf einen Holzbock legten, ihn daran festschnürten. Das hoch über meinem Kopf zwischen zwei Holzpfosten wartende, schräg angeschnittene Messer, glänzte in dem unwirklich scheinenden Licht, das die Szenerie erhellte. Ohne weitere Verzögerung wurde es gelöst und sauste mit einem eigentümlichen Geräusch hinab. Unwillkürlich zuckte ich zusammen. Ich spürte die Hand meines Freundes an meiner Schulter, er hielt mich fest. Ich schaute ihn etwas erschrocken an, und da drückte er mich fest an sich. Er drückte mich an sich. Ich fühlte mich seltsam. „Weißt du was… ich glaube, ich trauere um mich, um das vergangene Leben, ist das nicht seltsam? Als wäre ein guter Freund gestorben“… und musste doch lächeln. Ich fühlte mich gleichzeitig so frei wie noch nie zuvor. „Aber wieso habe ich eigentlich noch genau denselben Körper“, fragte ich und sah an meinem altengewohnten und völlig unversehrten Körper hinab. „Es ist nicht derselbe, es sieht nur so aus. Mach dir über solche Dinge keine Gedanken, das ist unwichtig. Lass uns gehen.“ Wir erhoben uns und spazierten flussabwärts.