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Erinnerungen

Veröffentlicht März 6, 2012 von Amvita

(…an ein anderes Leben)

 

Als er vorübergegangen war stand ich wieder wie erstarrt da und konnte den Blick nicht von seinen Fußabdrücken im Sand wenden. Ich spürte seine Liebe bei diesem Anblick, so wie ich seine Liebe in allem, was uns umgab, spürte, seit Gauranga Ram hierher gekommen war. Alltägliches, dem ich nie viel Aufmerksamkeit gewidmet hatte und das ich als gegeben hingenommen hatte, schien plötzlich so außerordentlich lebendig zu sein, so voller Leben und Liebe, voller Farben und geradezu heilig, weil er es betrachtet oder berührt hatte. Ich war manchmal in solcher Ekstase, dass ich nichts tun konnte. Ich saß dann einfach auf dem Boden oder auf dem Stein unter dem großen Banyanbaum und spürte den Atem, der meinen Körper bewegte, und der Gedanke, dass dieselbe Luft unsere Körper durchströmte, brachte meine Sinne zuerst in ekstatischen Aufruhr und dann unversehens in vollkommene Stille.

Meine Zustände gefielen meiner Familie nicht sehr. Mein Mann, den ich sehr liebte, verstand mich nicht. Aber da er nicht nur die Frau, sondern auch die Seele in mir liebte, sagte er nichts. Einmal, als die Arbeit wiederum liegen geblieben war und er und meine Geschwister sie für mich hatten erledigen müssen, sah er mich vorwurfsvoll an. Ich sah Zorn, der wie eine dunkle Wolke durch sein Wesen zog. Aber er sagte nichts, sondern sah mich nur weiter an. Und da sah ich, wie die Wolke vorüberzog und wir uns direkt in die Seele blickten. Für einen Moment. In diesem Moment verstand er alles. Dann wandte er sich abrupt ab und ging zurück aufs Feld. Mein Herz war erfüllt von tiefer Liebe zu ihm, als ich ihn weggehen sah. Glücklich und dankbar verneigte ich mich vor ihm, während er ging. Er sah es nicht.

Ich war eine Bhaktin. In unserem Tempel wohnten die Bildgestalten Shri Krishna und Shrimati Radharani, und so lange ich denken konnte, kam ich täglich zum Tempel, um Girlanden zu knüpfen, den Tempel zu reinigen, zu beten, Bhajans zu singen und später, nach meiner zweiten Einweihung, auch um die Puja abzuhalten, für Radha-Krishna zu kochen und auch sie anzukleiden. Es war eine große Ehre, das zu dürfen. Alles das tat ich mit großer Hingabe und Liebe. Niemals aß ich irgendetwas, was ich nicht zuerst Radha-Krishna dargebracht hatte, und niemals verging ein Tag, an dem ich im Tempel fehlte.

Gauranga Ram allerdings war kein Bhakta, kein Anhänger der hingebungsvollen Verehrung, sondern ein Jnani. Ich verstand zuerst nicht, wie ausgerechnet jemand, der durch Nachdenken, durch gedankliches Nachforschen, zu Gott gefunden hatte, und der nicht viel Wert auf die Verehrung, den Tempel und die Bildgestalten Radha-Krishnas legte, in mir eine derart tiefe Liebe erwecken konnte und selbst so eine immense Liebe ausströmen konnte. Bis ich verstand, dass er nichts ablehnte. Er war seinen Weg gegangen, auf dem er sein Ziel offensichtlich erreicht hatte, aber niemals sagte er, dass andere diesem Weg ebenfalls folgen sollten. Niemals stellte er seinen Weg auch nur im entferntesten als den besseren hin. Dieser Gedanke kam in ihm nicht vor. Sein Herz umfasste alles. Und diese Liebe war es, die alle anzog, egal welchen Ritualen sie sonst folgten, welche Bildgestalten sie verehrten, ob sie meditierten, kontemplierten oder hingebungsvollen Dienst verrichteten. Am spontansten reagierten die Kinder und die Tiere auf ihn. Kaum je kam es vor, dass nicht einige Kinder und Tiere in seiner Nähe waren. Den Tag, an dem ich all das mit dem Herzen verstand, und damit mein eigenes Selbst erkannte, werde ich niemals vergessen.

An jenem Tag war ich so sehr von Liebe zu Gauranga Ram erfüllt, dass mich den ganzen Morgen lang nur ein einziger Gedanke beherrschte. Nämlich der Gedanke, wie ich es schaffen könnte, nur einmal, ein einziges Mal, mit der Stirn seine Füße berühren zu dürfen. Einen größeren Segen konnte ich mir kaum vorstellen. Ich wusste, dass er das nicht erlaubte, er erlaubte es niemandem. Sollte ich ihn trotzdem darum bitten, es tun zu dürfen? Er hatte doch Mitgefühl, vielleicht würde er es erlauben. Aber vielleicht auch nicht. Oder… sollte ich es einfach tun? Eine warme, lebendige, freudige Kraft durchströmte mich bei dem Gedanken daran. Ich nahm mir jedoch nichts vor, sondern überließ alles dem Moment, in welchem er vorbei kommen würde.

Er kam täglich durch unsere Straße, auf dem Weg von seiner Hütte zum Banyanbaum, in dessen Schatten er täglich einige Stunden verbrachte. Besucher und Schüler fanden sich dort ein, um ihn zu sehen. Und da sah ich ihn auch schon. Eine Kuh und ihr Kalb folgten ihm. Zwei Hunde trotteten ebenfalls hinterher ihm her. Und an seiner Seite fand sich mindestens ein halbes Dutzend Kinder. Als er kaum um die Ecke gebogen war und ich ihn sehen konnte, blickte er auf und sah mich direkt an. Das war bisher niemals vorgekommen. Mein Herz klopfte heftig. Doch trotz meiner Aufregung entdeckte ich in mir ein verschmitztes Lächeln, mit dem ich diesen Blick als Zeichen seines Einverständnisses auffasste. Als Gauranga Ram auf meiner Höhe war, kniete ich schnell nieder, umfasste seinen linken Fuß, und drückte kurz meine Stirn darauf. Dann stand ich ebenso schnell wieder auf und wagte erst nicht, ihn anzusehen.

Plötzlich erkannte ich vor mir seine Hand, ganz nah. Ich erschrak. Bevor ich irgendetwas sagen oder tun konnte, lag seine Hand auf meinem rechten Fuß. Wie hypnotisiert starrte ich auf diese Hand, die er nun zu seinem Kopf führte. Er legte die Hand, die meinen Fuß berührt hatte, sachte auf seinen Kopf und ließ seinen Arm dann mit großer Anmut wieder nach unten gleiten. Es war so eine wunderschöne Bewegung. Ich stand atemlos vor ihm. Was er da getan hatte, war unserer Stellung gemäß etwas ganz und gar Unmögliches und Ungeheuerliches! Doch dann sah er mich mit dem wunderbarsten, liebevollsten Lächeln an, das ich jemals an ihm oder sonst irgendjemanden gesehen hatte. Sein Blick war so weit offen, dass sich in ihm das ganze Universum zu spiegeln schien, und seine Gestalt leuchtete derartig, dass ich im selben Moment alles Äußere vergaß. Da war keine Bhaktin mehr und kein Jnani. Kein Mann, keine Frau. Kein Meister, keine Schülerin. Da waren überhaupt keine „zwei“ mehr, nur noch Eins. Da war auch kein äußeres Ritual mehr, keine Vorschriften, keine Verhaltensmaßregeln, kein Berühren der Füße, keine Verehrung. Auch kein Tempel und keine Bildgestalten. Alles verschwand in dem Licht, das uns umgab. Da war nichts und niemand mehr. Nur tiefste Freude und unendlicher Friede.

Dieser Tag änderte alles für mich. Und doch auch nichts. Ich blieb weiterhin eine Bhaktin wie bisher, so wie Gauranga Ram ein Jnani blieb. Aber es lag für mich nichts Ernstes und nichts Absolutes mehr darin. Es war einfach ein wunderbares Spiel. Ein freudvoller Tanz in der Existenz. Wie einst Gauranga Ram, so  hatte auch ich nun – durch seine unfassbare Liebe – den Raum in mir erkannt, wo Unterschiede nicht mehr Unterschiede sind, sondern nichts als ein grandioser Ausdruck des immensen Reichtums der Schöpfung.

 

 

Ich bin es, ich bin der Tod

Veröffentlicht Dezember 26, 2011 von Amvita

Inspiriert von einem Lied (Link am Ende der Geschichte).

***

Er war dem Fluss schon sehr nahe, als er den Gesang einer Frau vernahm. Es war ein wundersamer Gesang, schön und makaber zugleich. „Ich bin es, ich bin der Tod…“ sang sie, jedoch so süß, dass die Lieblichkeit ihrer Stimme ihre Worte Lügen zu strafen schien. Stehend lauschte er, und plötzlich wurde ihm innerlich ganz warm. Freude stieg in ihm auf. Er wusste nicht, wie ihm geschah. War er doch mit dieser schweren Nachricht auf den Schultern und im Herzen von Zuhause weg Richtung Fluss gegangen. Der Nachricht, er habe nicht mehr lange zu leben. Jung war er, am Anfang des Lebens stehend, das er noch gar nicht richtig kannte. Und nun hörte er diese liebliche Stimme, die singend erzählte, sie sei der Tod, die Königin über jede andere Königin und jeden anderen König, und jeder, ohne Ausnahme würde mit ihr tanzen müssen. Die warme schöne Stimme, die ihm singend das Unvermeidliche ebenso deutlich sagte wie der Arzt zuvor, dessen Worte kalt sein Herz zerschnitten hatten, empfand er wie einen Trost… sogar mehr als das: wie eine Befreiung. Beschwingt und neugierig ging er mit schnellen Schritten weiter. Er musste sie sehen! Als er das Ufer erreicht hatte, blieb er stehen. Verborgen im Grün der jungen Bäume sah er sie. Sie tanzte und sang. Sie war wunderschön. Ihre langen Haare flogen durch die neblig silberne Luft, als sie wirbelnd und mit leichter Eleganz sich um sich selber drehte und weiter sang.

Wie als hätte sie immer gewusst, dass er da stand, blickte sie mitten im Tanz, ohne ihren Gesang zu unterbrechen, zu ihm, und lächelte ihn voller Liebe an. Er stand wie gebannt. Als er sah, dass sie sich tanzend entfernte, sprang er aus dem Gebüsch heraus, ihr nach, und rief: „Geh nicht weg!“ Sie lächelte und antwortete: „Ich bin nicht wegen Dir hier, Liebster, nicht wegen Dir!“ „Warum nicht? Bitte bleib doch… ich wurde doch ganz sicher wegen Dir hierher geführt“, rief er bittend. „Ich weiß, Liebster“, sang sie. „Doch glaube mir, mein Tanz gilt nicht Dir. Jetzt noch nicht!“

Doch sie besann sich, und voll Mitgefühl mit seinem Sehnen und Verlangen hielt sie inne. In keiner Zeit überwand sie die große Entfernung, die sie flussaufwärts getanzt war und stand nun, ihr linkes Knie gebeugt, vor ihm. Mit einer eleganten Bewegung streckte sie ihm den Arm entgegen und bot ihm ihre Hand, ihn zum Tanz auffordernd. Voll stummen, dankbaren Staunens und ohne zu wissen, wie ihm geschah, legte er seine Hand auf ihren Handrücken und schritt, ihrer Drehung folgend, feierlich um sie herum. Und sie sang wieder ihr Lied… „Ich bin es, ich bin der Tod“… Schließlich nahm sie auch seine andere Hand, und sie wirbelten mit vollendeten Schritten in großen Bögen zu allen Seiten hin, als ob sie die Blütenblätter einer Blume formen wollten, immer wieder zur Mitte zurückkehrend, immer schneller und schneller. Er kannte den Tanz und die Schritte nicht, und doch tanzte er, als kenne er sie seit Ewigkeiten.

Am Ende standen sie wieder in der Mitte, fest umschlungen. Standen lange Zeit, ohne ein Wort. Er wollte sie nicht mehr loslassen… doch schließlich entwand sie sich mit Leichtigkeit, lächelte ihn liebevoll an und sprach: „Nun, mein Liebster, erinnerst Du Dich an alles. Du kennst mich inniglich. Und Du liebst mich so sehr wie ich Dich. Du kannst voller Freude mit mir gehen… aber nicht jetzt. Irgendwann. Inzwischen lerne, das Leben ebenso zu lieben wie mich. Du brauchst nichts zu fürchten. Das weißt Du jetzt.Tanze das Leben!“ Sogleich entfernte sie sich auf magische Weise so schnell, dass er mit den Augen kaum folgen konnte… und er fand sich im Dunst des Flusses stehend, allein. Noch lange stand er so, bevor er, sinnend, seine Schritte langsam zurück lenkte. Er war traurig und glücklich zugleich.

Niemals vergaß er sie und diesen Tanz. Niemals vergaß er ihre Leichtigkeit, ihre Liebe und Wärme, und nie ihre Worte. „Tanze das Leben!“ Und er tat es. Nicht immer war es ein perfekter Tanz… oft stolperte er, drehte sich manches Mal in die falsche Richtung, setzte die falschen Schritte oder fiel hart zu Boden… doch er tanzte weiter und lernte diesen Tanz. Und lernte ihn lieben.

***

„Nun ist sie da“, sagte der alte Mann leise, mit einem frohen Lächeln auf dem Gesicht. Das Sprechen fiel ihm zunehmend schwer. Seine schwache Hand lag in den jungen Händen seiner Enkelin, die sie zart und liebevoll umfingen. „Nun ist sie wegen mir da!“ „Ich weiß“, sagte die junge Frau und lächelte, während Tränen leise ihre Wangen hinab rannen. Er sah es nicht. Die müden Augen geschlossen, erblickte er nach so langer Zeit zum zweiten Mal die schöne Frau am Fluss. Mit gebeugtem Bein, genau wie damals, erwartete sie ihn und bot ihm lächelnd ihren Arm zum Tanz dar. Sie sagte: „Du hast das Leben ebenso umarmt wie mich, hast es geliebt und hast es getanzt. Nun kannst Du mit mir kommen. Dieser Tanz ist nur für Dich.“ Er legte die Hand auf ihren Handrücken und fand sich unmittelbar in ihren Armen wieder, geborgen und froh. Tanzend wirbelten sie flussabwärts, immer weiter und weiter, Richtung Meer…

Sono io la morte

Tu nichts

Veröffentlicht Januar 12, 2011 von Amvita

 

Tu nichts
Bleib still
Lieg ruhig
Schau nicht
Spür nur
das Feuer
in dir
Jede Zelle
brennt
und tanzt.
Spür
die Leidenschaft
Bring sie nicht um
Nicht gleich
Durch schnelles Tun
Lieg still
Genieße
Lausche
Spüre
wie süß
unendlich süß
Wie kraftvoll
dieser Tanz
in Dir


Es weint mein Herz

Veröffentlicht Januar 11, 2011 von Amvita

Meine Brust in ihren Händen…
Zart, unendlich zart
streichen ihre Finger hin und her
Und schauernd regen sich
ganz bald zwei harte Knospen
geschmiegt in ihre Hände
und Gänsehaut umhüllt mich ganz und gar.

Dann spür ich ihre Brust an meiner Wange
So lieblich und so wunderschön
Zart fordernd drängt es sie zu mir
Meine Lippen öffnen sich von selbst.
Voll scheuer Lust umschließen sie
wundersame warme Weichheit
Und ich fühle, fühle mich
halb Säugling und halb Liebender,
Ein so unbekanntes Fühlen
durchströmt mich
unendlich wunderbar und süß.

Dann ein Gedanke.
Was ist da nur passiert?
Was hab ich denn geschehen lassen?
Das darf nicht sein, es darf nicht sein!
So kenne ich mich nicht,
ich lieb doch keine Fraun!
Erschrocken vor mir selber
Und dem, was ich da tu
Stoß ich sie zurück

Steh auf
Und geh
Verwirrt

Immer noch verlangend,
jedoch statt fühlend denkend jetzt.

Und sie steht traurig in der Tür
Und sieht mir nach
Ich spüre ihren Blick.
Ich geh und geh
Zwinge mich zu gehn
Dann bleib ich stehn
mit einem Ruck.
Ich dreh mich langsam um
Sie steht noch immer da
Und schaut mit stillen Tränen.
So wunderschön ist sie,
wie sie da traurig lehnt

Ein Teil von mir verlangt,
verlangt so sehr
zu ihr zurückzukehren
Ein andrer will es nicht erlauben.
Nein, er erlaubt es nicht!

Ich geh, ja geh
Nach Haus
Es weint, es weint
Mein Herz.
So sehr.

Tod und Teufel – Teil 2

Veröffentlicht Januar 3, 2011 von Amvita

„Meldek?“ Sie sah um sich, als befände er sich irgendwo um sie herum in der Luft und könnte gleich aus ihr heraus ins Sichtbare treten. Doch sie erhielt keine Antwort und nichts rührte sich. Es war lange her, dass sie sich gesehen hatten, doch sie wusste, dass er immer da war. Sie dachte an seine Worte. Sie müsse ihren Weg nun, da sie wisse worum es ging, selbst finden, müsse selbst herausfinden, wie sie ihre Flügel gebrauchen und sich selbst finden könne. Sie wusste, er wiederholte niemals eine einmal gegebene klare Antwort, wenn er wusste, dass sie verstanden wurde, deshalb wunderte sie sich auch nicht sehr, dass er nicht antwortete.

„Sprich mit ihm selbst!“ Die Worte stiegen unversehens in ihr auf. Sie lauschte fragend nach innen und vernahm weitere Worte: „Nun, Meldek sagte, du seist selbst der Tod. Somit solltest du nicht außen suchen, wenn du etwas über den Tod wissen willst, sondern innen!“

„Meldek?“ fragte sie wieder, hoffend. Doch er war es natürlich nicht, der gesprochen hatte. Sie ahnte, dass sie sich selbst schon näher gekommen war, als sie es für möglich gehalten hätte, doch konnte sie noch nicht glauben, in sich selbst die richtigen Antworten finden zu können. Doch nun wollte und musste sie es versuchen.

Sie setzte sich hin, schloss die Augen und ließ zuerst, wie immer, alle Gedanken davon schweben. Sie sah ihnen nach und blieb ganz ruhig bei sich.

„Tod?“ „Wer bist du?“ „Wo bist du?“ Sie sandte diese Fragen aus und ließ auch sie davon schweben. Sie hatte gelernt, dass man eine Frage nicht behalten durfte, wenn man eine Antwort suchte. Eine Frage war eine Seite der Medaille. Um die andere Seite, die die Antwort zeigen würde, erhalten zu können, musste man die Medaille umdrehen. Das heißt: die Frage völlig aufgeben und sie ganz vergessen. So saß sie nun da, gedankenlos, leer, ohne Fragen.

Irgendwann spürte sie Wärme. Jemand näherte sich, so fühlte es sich an. Aus einem hellen Nebel hob sich eine Gestalt ab. Es war ein Wesen, das wie ein wunderschöner Engel aussah. Sein Gesicht strahlte lächelnd und mit jeder Bewegung strömte er Wärme und Liebe aus. Vor ihm lag friedvoll und ruhig ein sterbender Mensch. Der Engel deckte den Sterbenden mit unfassbar großer Liebe und Sanftheit zu. Im selben Tempo wie er die Decke über den sichtbaren Körper des Sterbenden zog, verließ der darin wohnende Geist diesen Körper und floss mit einer ungeheuren Leichtigkeit aus ihn heraus. Er sah wie der Körper aus, nur ganz transparent und hell leuchtend. Wie magnetisch angezogen schmiegte sich der transparente Geistkörper – man könnte es wohl auch Seele nennen – an den Engel und wurde von diesem umarmt.

So stand der Engel nun da, strahlend, und sah sie direkt an. Sie war zutiefst beeindrduckt und berührt und spürte den Impuls, sich vor der mächtigen liebenden Energie dieses Engels zu verbeugen. Sie tat es. Nie hatte sie etwas Schöneres und Liebevolleres gesehen und gespürt. Sie wusste jetzt genau, wer dieser Engel war.

„Du bist der Tod!“ sagte sie. Er strahlte noch mehr. Der Tod war kein knöchriger schwarzer Sensenmann, vor dem man sich fürchten musste, sondern ein wunderschöner, liebender Engel. Eine Erinnerung stieg in ihr hoch. Sie hatte das doch schon als Kind gewusst! Im selben Moment hörte sie den Engel sprechen.

„Als du ein Kind warst, kanntest du mich genau und warst dir meiner in dir ganz bewusst. Immerhin eine kleine Erinnerung hast du dir von damals bewahrt, wenn es auch nur ein kläglicher Rest ist, so hat er dich doch durch alle Schwierigkeiten deines Lebens begleitet und war dir ein Trost. Geh zu dem Kind und frage es, wenn du mehr wissen willst!“

Die strahlende Aura des Engels vibirierte mehr und mehr und schließlich verschwand er mit der an ihn geschmiegten glücklichen Seele im gleißenden Licht.

Tod und Teufel – Teil 1

Veröffentlicht Januar 3, 2011 von Amvita

„Du bist der Tod und er der Teufel! Tod und Teufel seid ihr beiden“, Meldek lächelte als hätte er ihr und ihrem Partner, der nicht anwesend war, ein Kompliment ausgesprochen und hätte eigentlich Dank verdient, würde jedoch stürmischen Protest erwarten. All das konnte sie deutlich aus seinem Gesicht herauslesen, das sie inzwischen so gut kannte.

Sie blieb stumm, doch ließ ihn mit ihrem Blick und einem leichten Heben der Augenbrauen wissen, dass er weitersprechen sollte. Er tat es gerne und auf eine eigentümliche Art triumphierend, so als könnte er endlich eine Wahrheit sagen, die lange darauf gewartet hatte, endlich gesprochenes Wort zu werden.

„Hast du dich je gewundert, dass die Leute von dir fasziniert sind, jedoch Abstand halten? Und das nicht, weil du unfreundlich wärest. Nein, ganz im Gegenteil. Es gibt äußerlich besehen keinen Grund dafür, und sie könnten auch selbst keinen nennen. Sie würden, darauf angesprochen, vielleicht sagen, sie hätten ein eigenartiges Gefühl in deiner Gegenwart, aber selbst dies dürfte nur einigen wenigen bewusst geworden sein. Die meisten hätten keine Antwort auf ihre Reaktion dir gegenüber. Der einzige, der deine Nähe nicht fürchtet, der einzige, der deine Energie aushält und der dich lieben kann ohne das Gefühl zu haben unterzugehen, ist der Teufel.“

„Du bist völlig verrückt!“ Sie sah ihn direkt an. Einerseits war sie erschrocken, es war ja verrückt und völlig inakzeptabel, was er da sagte; doch andererseits hatte sie ihm fasziniert und neugierig gelauscht. Ihre Worte, er sei verrückt, waren viel zu ruhig gesprochen, als dass sie hätten aussagen können, was ihre äußere Bedeutung war. In Wirklichkeit lauteten sie: „Ich weiß!“ Und so verstand er sie auch… er fuhr lächelnd fort.

„Und dein Partner, auf ihn fliegen die Leute, nicht wahr, das wissen wir ja beide. Er redet und sie lieben, was er redet. Er ist überaus beliebt. Er sagt, ob er will oder nicht, den Leuten die Wahrheit auf den Kopf zu, und zwar in sehr deutlichen Worten. Und dennoch sind sie ihm niemals böse, laufen ihm nach, wollen mehr…“, er lachte laut auf… amüsiert. „Die unterschiedlichsten Leute fühlen sich von ihm angezogen, nicht wahr?!“

Er hatte Recht. Er hatte in allem Recht. Es war offensichtlich. „Und was soll ich damit tun?“, fragte sie ihn. Sie wusste um Meldeks uneigennützige Liebe zu ihr ebenso wie um seine alles durchdringende Aufnahmefähigkeit der sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Ohne diese beiden wesentlichen Dinge wäre er wirklich einfach nur ein Irrer gewesen, was er für viele auch war, die ihn nicht verstehen konnten. Und ohne auch nur eines der beiden hätte sie ihm nicht vertraut. Aber so war ihr Vertrauen gar keine Frage.

„Lebe es. Lebe was du bist!“

„Wie soll das gehen?“ fragte sie, lauter und etwas ungeduldig.

„Das musst du ganz alleine herausfinden. Vielleicht musst du darüber sprechen, ganz konkret, oder etwas sichtbar demonstrieren. Finde einen Weg für dich, das ist deine Aufgabe! Alles andere kann nicht deine Sache sein. Von nichts anderem wirst du dich erfüllt fühlen. Nichts anderes wird Erfolg haben.“

Sie wusste um die Wahrheit seiner Worte, doch wie sollte es ihr möglich sein, diesen Weg zu finden? Es war unmöglich. Nicht lebbar. Paradox. Sie hatte andere Dinge probiert. Sie waren entweder tatsächlich nicht erfolgreich, wie er gesagt hatte, oder sie beendete sie, nachdem sie zu einem Erfolg geworden waren, selbst. Ohne zu wissen weshalb, wie von einer unbekannten inneren Kraft angetrieben. Kompromisslos und ohne jegliches Bedauern. Manchmal litt sie darunter, doch im tiefsten Inneren spürt sie einen Grund, eine Basis oder Quelle, die ihr den spürbaren Beweis gaben, dass es so richtig und in Ordnung war. Und auf diese Weise lebte sie ja doch, was er ungeheurerweise gesagt hatte, dass sie sei, obwohl sie es nicht beabsichtigte.

Nun – viele galaktische Perioden nach jenem Gespräch mit Meldek – war sie an einem Punkt angekommen, wo all dies offensichtlich wurde. Und wo ihr klar wurde, dass sie diesen Weg, der ihrer war, nun direkt gehen musste, egal wie unglaublich diese ganze Sache auch war. Andere Wege waren jetzt keine Option mehr. Umwege oder Warteschleifen gab es nicht mehr. Die Wände des Lebens wurden enger und enger, je mehr sie einen Weg suchte, der diesem einen widersprach, denn sie widersprach damit ganz offensichtlich dem Leben in sich selbst. Indem sie diesen Gedanken endlich voll und ganz zuließ, ging es ihr besser. Jedoch musste sie das Versprechen nun auch erfüllen. Es war kein Spiel und es gab kein Ausweichen mehr.

Ende Teil 1