Erinnerungen

Veröffentlicht März 6, 2012 von Amvita

(…an ein anderes Leben)

 

Als er vorübergegangen war stand ich wieder wie erstarrt da und konnte den Blick nicht von seinen Fußabdrücken im Sand wenden. Ich spürte seine Liebe bei diesem Anblick, so wie ich seine Liebe in allem, was uns umgab, spürte, seit Gauranga Ram hierher gekommen war. Alltägliches, dem ich nie viel Aufmerksamkeit gewidmet hatte und das ich als gegeben hingenommen hatte, schien plötzlich so außerordentlich lebendig zu sein, so voller Leben und Liebe, voller Farben und geradezu heilig, weil er es betrachtet oder berührt hatte. Ich war manchmal in solcher Ekstase, dass ich nichts tun konnte. Ich saß dann einfach auf dem Boden oder auf dem Stein unter dem großen Banyanbaum und spürte den Atem, der meinen Körper bewegte, und der Gedanke, dass dieselbe Luft unsere Körper durchströmte, brachte meine Sinne zuerst in ekstatischen Aufruhr und dann unversehens in vollkommene Stille.

Meine Zustände gefielen meiner Familie nicht sehr. Mein Mann, den ich sehr liebte, verstand mich nicht. Aber da er nicht nur die Frau, sondern auch die Seele in mir liebte, sagte er nichts. Einmal, als die Arbeit wiederum liegen geblieben war und er und meine Geschwister sie für mich hatten erledigen müssen, sah er mich vorwurfsvoll an. Ich sah Zorn, der wie eine dunkle Wolke durch sein Wesen zog. Aber er sagte nichts, sondern sah mich nur weiter an. Und da sah ich, wie die Wolke vorüberzog und wir uns direkt in die Seele blickten. Für einen Moment. In diesem Moment verstand er alles. Dann wandte er sich abrupt ab und ging zurück aufs Feld. Mein Herz war erfüllt von tiefer Liebe zu ihm, als ich ihn weggehen sah. Glücklich und dankbar verneigte ich mich vor ihm, während er ging. Er sah es nicht.

Ich war eine Bhaktin. In unserem Tempel wohnten die Bildgestalten Shri Krishna und Shrimati Radharani, und so lange ich denken konnte, kam ich täglich zum Tempel, um Girlanden zu knüpfen, den Tempel zu reinigen, zu beten, Bhajans zu singen und später, nach meiner zweiten Einweihung, auch um die Puja abzuhalten, für Radha-Krishna zu kochen und auch sie anzukleiden. Es war eine große Ehre, das zu dürfen. Alles das tat ich mit großer Hingabe und Liebe. Niemals aß ich irgendetwas, was ich nicht zuerst Radha-Krishna dargebracht hatte, und niemals verging ein Tag, an dem ich im Tempel fehlte.

Gauranga Ram allerdings war kein Bhakta, kein Anhänger der hingebungsvollen Verehrung, sondern ein Jnani. Ich verstand zuerst nicht, wie ausgerechnet jemand, der durch Nachdenken, durch gedankliches Nachforschen, zu Gott gefunden hatte, und der nicht viel Wert auf die Verehrung, den Tempel und die Bildgestalten Radha-Krishnas legte, in mir eine derart tiefe Liebe erwecken konnte und selbst so eine immense Liebe ausströmen konnte. Bis ich verstand, dass er nichts ablehnte. Er war seinen Weg gegangen, auf dem er sein Ziel offensichtlich erreicht hatte, aber niemals sagte er, dass andere diesem Weg ebenfalls folgen sollten. Niemals stellte er seinen Weg auch nur im entferntesten als den besseren hin. Dieser Gedanke kam in ihm nicht vor. Sein Herz umfasste alles. Und diese Liebe war es, die alle anzog, egal welchen Ritualen sie sonst folgten, welche Bildgestalten sie verehrten, ob sie meditierten, kontemplierten oder hingebungsvollen Dienst verrichteten. Am spontansten reagierten die Kinder und die Tiere auf ihn. Kaum je kam es vor, dass nicht einige Kinder und Tiere in seiner Nähe waren. Den Tag, an dem ich all das mit dem Herzen verstand, und damit mein eigenes Selbst erkannte, werde ich niemals vergessen.

An jenem Tag war ich so sehr von Liebe zu Gauranga Ram erfüllt, dass mich den ganzen Morgen lang nur ein einziger Gedanke beherrschte. Nämlich der Gedanke, wie ich es schaffen könnte, nur einmal, ein einziges Mal, mit der Stirn seine Füße berühren zu dürfen. Einen größeren Segen konnte ich mir kaum vorstellen. Ich wusste, dass er das nicht erlaubte, er erlaubte es niemandem. Sollte ich ihn trotzdem darum bitten, es tun zu dürfen? Er hatte doch Mitgefühl, vielleicht würde er es erlauben. Aber vielleicht auch nicht. Oder… sollte ich es einfach tun? Eine warme, lebendige, freudige Kraft durchströmte mich bei dem Gedanken daran. Ich nahm mir jedoch nichts vor, sondern überließ alles dem Moment, in welchem er vorbei kommen würde.

Er kam täglich durch unsere Straße, auf dem Weg von seiner Hütte zum Banyanbaum, in dessen Schatten er täglich einige Stunden verbrachte. Besucher und Schüler fanden sich dort ein, um ihn zu sehen. Und da sah ich ihn auch schon. Eine Kuh und ihr Kalb folgten ihm. Zwei Hunde trotteten ebenfalls hinterher ihm her. Und an seiner Seite fand sich mindestens ein halbes Dutzend Kinder. Als er kaum um die Ecke gebogen war und ich ihn sehen konnte, blickte er auf und sah mich direkt an. Das war bisher niemals vorgekommen. Mein Herz klopfte heftig. Doch trotz meiner Aufregung entdeckte ich in mir ein verschmitztes Lächeln, mit dem ich diesen Blick als Zeichen seines Einverständnisses auffasste. Als Gauranga Ram auf meiner Höhe war, kniete ich schnell nieder, umfasste seinen linken Fuß, und drückte kurz meine Stirn darauf. Dann stand ich ebenso schnell wieder auf und wagte erst nicht, ihn anzusehen.

Plötzlich erkannte ich vor mir seine Hand, ganz nah. Ich erschrak. Bevor ich irgendetwas sagen oder tun konnte, lag seine Hand auf meinem rechten Fuß. Wie hypnotisiert starrte ich auf diese Hand, die er nun zu seinem Kopf führte. Er legte die Hand, die meinen Fuß berührt hatte, sachte auf seinen Kopf und ließ seinen Arm dann mit großer Anmut wieder nach unten gleiten. Es war so eine wunderschöne Bewegung. Ich stand atemlos vor ihm. Was er da getan hatte, war unserer Stellung gemäß etwas ganz und gar Unmögliches und Ungeheuerliches! Doch dann sah er mich mit dem wunderbarsten, liebevollsten Lächeln an, das ich jemals an ihm oder sonst irgendjemanden gesehen hatte. Sein Blick war so weit offen, dass sich in ihm das ganze Universum zu spiegeln schien, und seine Gestalt leuchtete derartig, dass ich im selben Moment alles Äußere vergaß. Da war keine Bhaktin mehr und kein Jnani. Kein Mann, keine Frau. Kein Meister, keine Schülerin. Da waren überhaupt keine „zwei“ mehr, nur noch Eins. Da war auch kein äußeres Ritual mehr, keine Vorschriften, keine Verhaltensmaßregeln, kein Berühren der Füße, keine Verehrung. Auch kein Tempel und keine Bildgestalten. Alles verschwand in dem Licht, das uns umgab. Da war nichts und niemand mehr. Nur tiefste Freude und unendlicher Friede.

Dieser Tag änderte alles für mich. Und doch auch nichts. Ich blieb weiterhin eine Bhaktin wie bisher, so wie Gauranga Ram ein Jnani blieb. Aber es lag für mich nichts Ernstes und nichts Absolutes mehr darin. Es war einfach ein wunderbares Spiel. Ein freudvoller Tanz in der Existenz. Wie einst Gauranga Ram, so  hatte auch ich nun – durch seine unfassbare Liebe – den Raum in mir erkannt, wo Unterschiede nicht mehr Unterschiede sind, sondern nichts als ein grandioser Ausdruck des immensen Reichtums der Schöpfung.

 

 

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