Ich bin es, ich bin der Tod

Veröffentlicht Dezember 26, 2011 von Amvita

Inspiriert von einem Lied (Link am Ende der Geschichte).

***

Er war dem Fluss schon sehr nahe, als er den Gesang einer Frau vernahm. Es war ein wundersamer Gesang, schön und makaber zugleich. „Ich bin es, ich bin der Tod…“ sang sie, jedoch so süß, dass die Lieblichkeit ihrer Stimme ihre Worte Lügen zu strafen schien. Stehend lauschte er, und plötzlich wurde ihm innerlich ganz warm. Freude stieg in ihm auf. Er wusste nicht, wie ihm geschah. War er doch mit dieser schweren Nachricht auf den Schultern und im Herzen von Zuhause weg Richtung Fluss gegangen. Der Nachricht, er habe nicht mehr lange zu leben. Jung war er, am Anfang des Lebens stehend, das er noch gar nicht richtig kannte. Und nun hörte er diese liebliche Stimme, die singend erzählte, sie sei der Tod, die Königin über jede andere Königin und jeden anderen König, und jeder, ohne Ausnahme würde mit ihr tanzen müssen. Die warme schöne Stimme, die ihm singend das Unvermeidliche ebenso deutlich sagte wie der Arzt zuvor, dessen Worte kalt sein Herz zerschnitten hatten, empfand er wie einen Trost… sogar mehr als das: wie eine Befreiung. Beschwingt und neugierig ging er mit schnellen Schritten weiter. Er musste sie sehen! Als er das Ufer erreicht hatte, blieb er stehen. Verborgen im Grün der jungen Bäume sah er sie. Sie tanzte und sang. Sie war wunderschön. Ihre langen Haare flogen durch die neblig silberne Luft, als sie wirbelnd und mit leichter Eleganz sich um sich selber drehte und weiter sang.

Wie als hätte sie immer gewusst, dass er da stand, blickte sie mitten im Tanz, ohne ihren Gesang zu unterbrechen, zu ihm, und lächelte ihn voller Liebe an. Er stand wie gebannt. Als er sah, dass sie sich tanzend entfernte, sprang er aus dem Gebüsch heraus, ihr nach, und rief: „Geh nicht weg!“ Sie lächelte und antwortete: „Ich bin nicht wegen Dir hier, Liebster, nicht wegen Dir!“ „Warum nicht? Bitte bleib doch… ich wurde doch ganz sicher wegen Dir hierher geführt“, rief er bittend. „Ich weiß, Liebster“, sang sie. „Doch glaube mir, mein Tanz gilt nicht Dir. Jetzt noch nicht!“

Doch sie besann sich, und voll Mitgefühl mit seinem Sehnen und Verlangen hielt sie inne. In keiner Zeit überwand sie die große Entfernung, die sie flussaufwärts getanzt war und stand nun, ihr linkes Knie gebeugt, vor ihm. Mit einer eleganten Bewegung streckte sie ihm den Arm entgegen und bot ihm ihre Hand, ihn zum Tanz auffordernd. Voll stummen, dankbaren Staunens und ohne zu wissen, wie ihm geschah, legte er seine Hand auf ihren Handrücken und schritt, ihrer Drehung folgend, feierlich um sie herum. Und sie sang wieder ihr Lied… „Ich bin es, ich bin der Tod“… Schließlich nahm sie auch seine andere Hand, und sie wirbelten mit vollendeten Schritten in großen Bögen zu allen Seiten hin, als ob sie die Blütenblätter einer Blume formen wollten, immer wieder zur Mitte zurückkehrend, immer schneller und schneller. Er kannte den Tanz und die Schritte nicht, und doch tanzte er, als kenne er sie seit Ewigkeiten.

Am Ende standen sie wieder in der Mitte, fest umschlungen. Standen lange Zeit, ohne ein Wort. Er wollte sie nicht mehr loslassen… doch schließlich entwand sie sich mit Leichtigkeit, lächelte ihn liebevoll an und sprach: „Nun, mein Liebster, erinnerst Du Dich an alles. Du kennst mich inniglich. Und Du liebst mich so sehr wie ich Dich. Du kannst voller Freude mit mir gehen… aber nicht jetzt. Irgendwann. Inzwischen lerne, das Leben ebenso zu lieben wie mich. Du brauchst nichts zu fürchten. Das weißt Du jetzt.Tanze das Leben!“ Sogleich entfernte sie sich auf magische Weise so schnell, dass er mit den Augen kaum folgen konnte… und er fand sich im Dunst des Flusses stehend, allein. Noch lange stand er so, bevor er, sinnend, seine Schritte langsam zurück lenkte. Er war traurig und glücklich zugleich.

Niemals vergaß er sie und diesen Tanz. Niemals vergaß er ihre Leichtigkeit, ihre Liebe und Wärme, und nie ihre Worte. „Tanze das Leben!“ Und er tat es. Nicht immer war es ein perfekter Tanz… oft stolperte er, drehte sich manches Mal in die falsche Richtung, setzte die falschen Schritte oder fiel hart zu Boden… doch er tanzte weiter und lernte diesen Tanz. Und lernte ihn lieben.

***

„Nun ist sie da“, sagte der alte Mann leise, mit einem frohen Lächeln auf dem Gesicht. Das Sprechen fiel ihm zunehmend schwer. Seine schwache Hand lag in den jungen Händen seiner Enkelin, die sie zart und liebevoll umfingen. „Nun ist sie wegen mir da!“ „Ich weiß“, sagte die junge Frau und lächelte, während Tränen leise ihre Wangen hinab rannen. Er sah es nicht. Die müden Augen geschlossen, erblickte er nach so langer Zeit zum zweiten Mal die schöne Frau am Fluss. Mit gebeugtem Bein, genau wie damals, erwartete sie ihn und bot ihm lächelnd ihren Arm zum Tanz dar. Sie sagte: „Du hast das Leben ebenso umarmt wie mich, hast es geliebt und hast es getanzt. Nun kannst Du mit mir kommen. Dieser Tanz ist nur für Dich.“ Er legte die Hand auf ihren Handrücken und fand sich unmittelbar in ihren Armen wieder, geborgen und froh. Tanzend wirbelten sie flussabwärts, immer weiter und weiter, Richtung Meer…

Sono io la morte

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